
10. Oktober 2007, 09:26 Uhr
Von Antje Hildebrandt
Angeblich wollte Johannes B. Kerner gestern Eva Herman die Gelegenheit geben, sich nach ihrem umstrittenen NS-Zitat zu rehabilitieren. Dabei hatte die Talkshow den Charakter einer öffentlichen Hinrichtung. Nach 50 Minuten kam es zum Eklat: Der Moderator lud seine Ex-Kollegin wieder aus – und produzierte den Mitleids-Effekt.

Eva Herman zu Gast bei Johannes B. Kerner. Sie verschärfte den Konflikt um ihre Äußerungen, indem sie sagte: Wenn man nicht über Familienwerte der Nazis reden dürfe, könne man auch nicht über die Autobahnen sprechen.
Mit dem Zweiten soll man ja angeblich besser sehen. Man muss dafür allerdings relativ schmerzfrei sein oder die Fähigkeit besitzen, kurzfristig auszublenden, dass man in einer Demokratie lebt.
Es war 22.45 Uhr, da wurde der Zuschauer gestern im ZDF Zeuge einer Ausgabe von „Kerner“, die ihn auf eine Achterbahn der Gefühle mitnahm: Schadenfreude, Wut, Mitleid, Scham. Eigentlich ein sicherer Indikator dafür, dass die Redaktion den Nerv des Publikums mit einem Thema getroffen hat. Eigentlich. Dass die Redaktion dafür aber die Spielregeln der Fairness über Bord warf, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Relativ schnell wurde deutlich, dass es Johannes B. Kerner nicht wirklich darum ging, „herauszufinden, was Eva Herman wirklich denkt“, wie er der "Bild-Zeitung" noch für ihre aktuelle Mittwochsausgabe soufflierte. Dass er ihr lediglich, wie er in der Sendung immer wieder versichert hatte, Gelegenheit habe geben wollen, einzuräumen, dass es ein Fehler gewesen sei, bei der Premiere ihres neuen Buches „Das Arche-Noah-Prinzip“ den Vergleich des heutigen Mutterbildes mit der NS-Diktatur zu bemühen.
Den Frauenversteher kaufte man ihm jedoch nicht ab. Relativ schnell wurde deutlich, dass es der Redaktion einzig und alleine darum ging, Herman nach ihrem Rauswurf als Moderatorin der NDR-Talkshow noch einmal an den Pranger zu stellen. 50 Minuten lang dauerte die öffentliche Hinrichtung. Dann musste Herman gehen. Es war ein bisschen wie beim Showdown der MTV-Sendung „Dismissed“, in der mehrere Singles um das Herz eines paarungswilligen Kandidaten buhlen. Nur dass Kerner die unterlegene Bewerberin nicht mit den Worten abservierte: „You`re dismissed“ („Du bist entlassen“), sondern dass er pastoral onkelte: „Eva, ich habe mich entschieden, mit meinen drei Gästen weiterzureden – und mich von dir zu verabschieden.“
Immerhin ahnt der Zuschauer jetzt, warum sie den Vergleich mit der NS-Diktatur bemüht hat. Sie will offenbar sagen, dass die 68er genau jene Werte abgeschafft haben, die die Nazis hochgehalten haben. Es ist immer noch eine sehr eigenwillige Interpretation der Geschichte. Doch den Zuschauer beschleicht zum ersten Mal der Verdacht, dass Herman die Auseinandersetzung in erster Linie mit ihrer Unfähigkeit befeuert hat, ihre Gedanken klar zu artikulieren.
22.55 Uhr: Der Berliner Geschichtsprofessor Wolfgang Wippermann von der FU Berlin bringt das Dilemma der Autorin auf den Punkt. „Sie verwechselt Faschismus mit Konservatismus.“ Die Frauen im Dritten Reich seien eben nicht gewertschätzt, sondern „wie Kühe für die Mutterzucht ausgezeichnet worden.“ Von einer Berufstätigkeit seien sie auch ausgeschlossen gewesen. „Moderatorinnen“, sagte der Historiker an die Adresse von Herman, „gab es im Dritten Reich jedenfalls nicht. Das können Sie doch nicht gut finden.“
23 Uhr: Herman kann oder will der Argumentation des Professors nicht folgen. Kerner versucht, ihr vorsichtig eine Brücke zu bauen. Er erinnert sie daran, dass sie für ihre missverständlichen Äußerungen Applaus von der NPD und von der DVU bekommen hat. Er fragt sie: „Würdest du aus heutiger Sicht wenigstens sagen, der Vergleich mit dem Dritten Reich sei problematisch gewesen?“ Herman weicht aus.
23.15 Uhr: Schreinemakers ist jetzt voll in ihrem Element: „Der Deutsche Hausfrauenbund hat schon 1978 ein Gehalt für die Hausfrau gefordert – da musste nicht erst Eva kommen.“
23.25 Uhr: Die Diskussion droht aus dem Ruder zu laufen, die Frauen liegen sich in den Haaren. Johannes B. Kerner fährt jetzt schweres Geschütz auf. Er stellt Hermans These zur Mutterrolle aus dem Buch „Das Eva-Prinzip“ ein Zitat des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg gegenüber, der in dem „Hohelied des Individualismus“ eine Gefahr für die Gesellschaft erkennt.
Eva Herman kann nur noch mit Mühe das Zittern ihrer Unterlippe beherrschen. Sie steht jetzt mit dem Rücken zur Wand. In ihrer Not verweist sie „auf die tausenden von Briefen“, die sie seit ihrem Rauswurf beim NDR angeblich von Fürsprechern bekommen hat – und tritt prompt wieder in einen Fettnapf: Die Absender dieser Briefe redeten ganz anders über sie als „die gleichgeschaltete Presse.“
23.30 Uhr: Es beginnt ein Schlagabtausch, in deren Verlauf das oben erwähnte Zitat mit den NS-Autobahnen fällt. Die Stimmung ist jetzt auf dem Höhepunkt. Eva Herman kann nur noch mit Mühe die Tränen unterdrücken. Schreinemakers äußert ihr Entsetzen. Resigniert resümiert Kerner: „Wir können jetzt über Begrifflichkeiten streiten, aber das bringt uns nicht weiter.“
Mit diesem Coup hat er sich in die Schlagzeilen katapultiert. Doch sich selber hat er damit keinen Gefallen getan. Eva Herman dagegen schon.
Quelle: welt.de am 10.10.07
aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite