phlegmaticus

sangoinicus

Turm

Jasmin

Vielleicht ist Armin acht Jahre alt. Dementsprechend könnte es ein später Frühling Ende der sechziger Jahre gewesen sein. Eines Nachmittages am Wochenende beobachtet er vom Balkon einen großen Möbelwagen. Dieser hält vor einer anderen Haustür schräg gegenüber von Armins Wohnhaus. Eine neue Familie zieht wieder mal ein. So etwas geschieht durchaus öfter. Armin weiß auch nicht, wer vorher ausgezogen ist. Jedenfalls sind alle der ihm bekannten Kinder aus diesem Haus regelmäßig auf den Spielplätzen zu sehen. Auch zu dieser neuen Familie gehören zwei Kinder. Ein noch recht kleiner Junge und ein etwas größeres Mädchen, welches sofort Armins Aufmerksamkeit gewinnt. In dieser Familie haben alle, auch die Eltern tiefschwarze fast bläulich glänzende Haare. Der offensichtliche Vater scheint sogar größer als Armins Papa und macht einen sehr bestimmten, reservierten Eindruck. Armin selber hat hellblondes Haar. Naturgemäß findet er schwarze Haare viel interessanter als Blondschöpfe. Erst die Krähenmutti wird einige Jahre später dieser natürlichen Empathie einigen Schaden zufügen. Das Mädchen könnte in Armins Alter sein. Nur wenig später kann er beim Spielen hören, wie die anderen Kinder nach ihr rufen. Sie heißt Jasmin und trägt glattes einfach geschnittenes Haar. Ihre sehr zurückhaltende, fast ernst wirkende Art empfindet Armin als angenehm und sympathisch. Natürlich hätte er mit damaligem Alter nicht derlei Worte dafür gefunden. Aber all diese Erinnerungen bleiben bis heute sehr deutlich.

Strafversetzung

Kinderjahre dauern länger als später. Für die letzten zwei von insgesamt 10 langen Jahren wird Armins komplette Klasse in eine andere Schule verlegt. Intern betrachten viele seiner Mitschüler(innen) dies als eine Art Strafversetzung. Immerhin hat seine Schulklasse einen echten Einbrecher, ein schulbekanntes Flittchen, den schlechtesten Leistungsdurchschnitt des Jahrganges und auch dank Armin ein unberechenbares Disziplinrisiko zu bieten. Doch der Wechsel zahlt sich aus. Die komplette Klasse wird in der neuen, viel schöneren Doppel-Schule schnell angenommen. „Doppelschule“ bedeutet zwei separat organisierte Schulen an einem gemeinsamen Schulhof mit einer zentralen Aula. Eines Tages steht der neue Mathematiklehrer verlegen begeistert im Klassenzimmer und spricht von zwangsläufiger Erhöhung der Anforderungen. Die monatliche Leistungsüberprüfung wurde schon wieder mit einem Klassendurchschnitt von 1,6 abgeschlossen. Bei sechsundzwanzig Schülern gab es nur dreimal eine Drei. Der Rest mit Bestnote 1 oder einer 2. Armin weiß natürlich um das Verdienst des ehemaligen Mathe-Lehrers der alten Schule. Aber Die wollten uns ja nicht mehr, denkt er schon damals schmunzelnd. Schnell fassen andere Jungs aus seiner Klasse coole Mädchen dieser Schule als neue Freundinnen ab. Armin geht wie immer leer aus. Ein sehr mutiges Angebot eines durchaus ansprechenden Mädchens lehnt er spröde und ungeschickt ab. Aber die schönen Dinge überwiegen. Die neue Klassenlehrerin ist der Coup des Schuljahrzehnts. Frau Sperling heißt so wie sie ist und Armin versteht viel später, dass gegenseitige Sympathie und ermutigende Anerkennung eigentlich ohne Worte funktionieren. Überhaupt findet Armin auch viele gleichaltrige Jungs und Mädchen der anderen Klassen regelrecht attraktiv.

Parallelklasse

Drei neunte Klassen laufen in dieser Polytechnischen Oberschule der DDR parallel. Die Typen in der einen Parallelklasse findet Armin richtig cool. Vielleicht sechs oder sieben Jungen, welche ähnlich groß wie Armin aber überhaupt nicht dürre sind. Irgendwie ist bei denen auch viel öfter gute Stimmung. Bei einem schulübergreifenden Leichtathletikvergleich manifestiert sich diese Einschätzung. Von den ersten zehn Plätzen bleiben sechs bei beschriebener Parallelklasse. Immerhin schafft das Sportass aus Armins Klasse den zweiten Platz. Einer aus der dritten Parallelklasse und nur einer der aktuellen Zehnklässler komplettieren dieses Listing. Von der anderen Schule befand sich überhaupt keiner unter den ersten Zehn. An diesem Vergleich nahmen vorsichtig geschätzt über 200 Schüler der achten bis zehnten Klassenstufe teil. Insgesamt scheinen die immerhin ein Jahr älteren jungen Männer der zehnten Klassen wenig präsent. Armin kann sich nur noch an einen einzigen erinnern. Als einer seiner Klassenkameraden das vielleicht heißeste Girl dieser höheren Klassenstufe zur Freundin gewinnt, wird Armin sogar ein klein wenig neidisch. Diese erstaunliche Konstellation wird für Armin einer der ersten Hinweise zu so genannten „guten oder schlechten Jahrgängen“ sein. Erwähnenswert wäre noch, dass aus jener so bewunderten Parallelklasse später einer der wichtigsten Jugendfreunde für Armin erwächst. Dieser soll jedoch für unsere Geschichte keine große Rolle spielen. Lost but not Least gehört auch Jasmin zu dieser Parallelklasse. Aus Armins Erinnerung hat Sie sich eigentlich kaum verändert. Armin steht jedoch schon länger auf blonden Schein. Zum dritten fällt Armin immer wieder ein großer, kräftiger Typ in dieser Schulklasse auf. Er heißt Mattheus Schaffner. Wie auch Armin fast immer in satt ausgewaschenen Jeansklamotten präsent, imponiert dessen kraftvolle und trotzdem freundliche Ausstrahlung. Wenige oft lustige Kontakte bleiben flüchtig und die Schulzeit geht bald endgültig vorüber. Erst Jahre später werden beide überraschend wieder zusammen treffen.

Intelligenz

Der Eilzug faucht mit Höchstgeschwindigkeit. Eine reichliche Stunde nur dauert es von Berlin bis Cottbus. Fast zwei Jahre schon hält jeder Freitag diese angenehme Heimfahrt bereit. Armin arbeitet mittlerweile in Berlin und freut sich stets auf das Wochenende in seiner Heimatstadt. Mit dem anfahrenden Zug nickt Armin meist langsam ein und ist bei der Ankunft auf dem Bahnhof wieder topfit für seine bereits wartende Cirstin. Bevor jedoch Armin auch dieses Mal endgültig abhängt, dröhnt plötzlich plötzlich Mattheus schweren Schrittes durch den Gang. Er hat immer noch diesen knackigen Jeanslook auf der Kante. Armin erkennt ihn sofort und beide begrüßen sich freudig. Natürlich ist genügend Platz im Abteil. Noch nicht mal Mitte Zwanzig sind die zwei sofort bei den „guten alten Zeiten“. Nach einigen Minuten wird Mattheus jedoch plötzlich ernster. Armin erkundigt sich verwundert „Was is’n los?“ Mattheus fragt völlig unvermittelt „Was ist eigentlich Intelligenz?“. Nach dem Wieso und Weshalb erfährt Armin von der Liebe zwischen Mattheus und Jasmin. Mattheus hat natürlich keine Ahnung vom in dieser Geschichte beschriebenen Background. Dementsprechend berichtet er von ihrem Vater, welcher ihn nicht akzeptieren will. Jenem Vater passt offensichtlich und zusammengefasst diese proletarisch, gutmütige Art des „Anwärters“ Mattheus überhaupt nicht. Armin findet es jedoch genial, dass sich zwei Menschen, welche er selber mehr als respektieren lernte, gefunden haben. Zudem weiß Armin schon länger, dass Jasmins Vater ein renommierter Augenoptiker ist. Nach einigem Hin und Her mit Mattheus bittet sich Armin eine kurze Denkpause aus.

Nebel

Mattheus wartet geduldig. Aber zu lange dauert es Gott sei dank nicht. Stelle Dir Intelligenz wie einen unglaublich hohen Turm vor, beginnt Armin bald. Unten auf der Erde irren die Dummen rum und ganz oben auf der Spitze thronen die gebildeten Professoren und Doktoren. Ja, und ? Fragt Mattheus etwas irritiert. Wenn Du also das Privileg der Bildung erwerben willst, musst du diesen Turm hinaufklettern, sinniert Armin weiter. Das kann ja ganz schön dauern, grinst Mattheus. Eigentlich hatte ich nach Intelligenz und nicht nach Bildung gefragt, fährt er schon etwas ungeduldiger fort. Dieser Turm bringt einige kleine Probleme mit sich, reagiert Armin unbeirrt. Das weiß ich auch schon, antwortet Mattheus nachdenklich. Wenn Du ihn hinaufklettern willst, kann es passieren, dass du nie ankommst, deckelt Armin zum ersten Mal seine Ausführungen. Mattheus schweigt. Falls Du tatsächlich oben ankommst, kann etwas Neues geschehen, führt Armin das Gespräch weiter. Was? fragt Mattheus neugierig. Du siehst den Erdboden nicht mehr, reagiert Armin. Wieso, fragt Mattheus irgendwie beeindruckt. Da gibt es so einen Nebel in der Luft (Armin nennt ihn damals spontan „Nebel des Lebens“). Dieser führt dazu, dass man von ganz unten nicht ohne weiteres nach ganz oben sehen kann. Umgekehrt funktioniert dies leider ebenso, findet Armin, geradezu selbst überrascht, zum ersten kleinen Finale. Wenn man in der Mitte vom Turm wäre, könnte man gut in beide Richtungen sehen, folgert Mattheus sinnierend. Das ist absolut richtig, freut sich Armin überrascht und staunt fast sprachlos über diese unverhofft erwachte Gesprächsdynamik.

Kram

Aber Dich sieht dann keiner mehr, reagiert Armin nach einiger Zeit fast resignativ. Wieso? fragt Mattheus, wieder mal erstaunt. Na ja, Die ganz unten starren meist erwartungsvoll in den Nebel nach ganz oben, erklärt Armin. Und Die da ganz oben sind auch nicht viel besser, ergänzt Mattheus wieder mal grinsend. Ja, die glauben den Nebel unter sich, optimiert Armin diese simple Erkenntnis. Was hat denn all dieser Kram nun mit Intelligenz zu tun? wir sind nämlich bald in Cottbus, erinnert Mattheus plötzlich wieder an die eigentliche Fragestellung. Kannst Du den Vater von Jasmin sehen? fragt Armin zurück. Ja, ich habe sogar schon von Ihm geträumt. Er macht mir manchmal fast Angst. Armin unterbricht das verunsicherte Plädoyer von Mattheus so vorsichtig wie möglich. Kann Er Dich sehen? fragt Armin erneut. Mattheus Augen werden plötzlich härter. Ich glaube, der will mich gar nicht sehen, antwortet er nach einigen Sekunden. „Was hat denn all dieser Kram nun mit Nebel zu tun?“ zitiert Armin abschließend und leicht verfälscht, seinen Gesprächspartner. Die Mimik von Mattheus entspannt sich langsam wieder. Nur wenige Minuten fehlen noch bis zum Halt des Zuges am Heimatbahnhof. Die Zeit war wie im Flug vergangen. „Na Du quatscht ja einen Kram daher“, verabschiedet sich Mattheus freundschaftlich von Armin und leider auf nimmer Wiedersehen. Von zuvor erwähntem ehemaligem Jugendfreund erfährt Armin telefonisch, dass dieses jugendliche Paar tatsächlich immer noch eines ist und auch der Nachwuchs nicht all zu lange auf sich warten ließ. Na ja, für solche Nachrichten kann man ruhig auch mal etwas Kram daher quatschen, denkt Armin lächelnd fast fünfundzwanzig Jahre später zu diesem authentisch beschriebenem Erlebnis.

German 03/09

Gedicht: Nebel

 

 

 

aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite