

Es geht gegen dunklen Abend. Daher vermutet Armin im nachhinein irgendeinen kalten Sonnabend im Spätherbst 1979. Armin ist 18 und im zweiten Lehrjahr. Sein Weg führt wiedermal zum HDB "dem Haus der Bauarbeiter". Hier finden fast jedes Wochenende Massendiskotheken mit (geschätzt) bis zu 600 Leuten statt. Linker Hand kommend wird er, nur etwa 70 Meter vorm Veranstaltungsgebäude, Zeuge einer gewalttätigen Auseinandersetzung.
3 Männer, schätzungsweise Anfang oder Mitte zwanzig haben einen Uniformierten angegriffen. Armin ist schnell der sicheren Meinung, dass nur dessen Uniform für den Angriff dieser scheinbar angetrunkenen Tölpel verantwortlich ist. Der Angegriffene wirkt groß und kräftig gewachsen. Gerade kassiert er seinen zweiten Fausthieb. Armin versteht die fehlende Abwehr nicht. Aber diese scheint auch schwierig. Während dessen Gesicht von vorn traktiert wird, tritt der zweite Tölpel von hinten immer wieder in den Körper des Uniformierten.
Armin meint einen grünen Uniformmantel zu sehen, ist sich heute aber nicht mehr sicher. Denn der Gepeinigte hat immer noch seine Tschapka auf. Polizisten haben nach Armins Denke aber keine Tschapkas. Der Federschmied ist etwa ein Jahr her. Eine regelrechte Abscheu vor körperlicher Gewalt hat sich mittlerweile in Armins Kopf manifestiert. Trotzdem überquert er jetzt schnell die Straße und schubst den Faustschläger weg vom Opfer.
Schon ist er wieder mittendrin. Der nächste Fausthieb in sein eigenes Gesicht scheint eine Sache der Selbstverständlichkeit. Zwei harte Treffer lassen diesen Faustidioten in die sauber geschnittene Hecke am Wegrand eintauchen. Für die ängstliche Beurteilung der Situation des Getroffenen bleibt aber keine Zeit. Der Fußtreteridiot greift an. Armin spürt Blut im Mund und zieht dessen Schlagarm samt Schwung von rechts über sein Standbein. Der Angreifer stürzt auf seinen Wanst. Armin zögert keine Sekunde und setzt einen satten Vollspann direkt in den Schritt des sich gerade rappelnden Treters.
Ein wilder Schrei des Getroffenen sorgt endlich für Ruhe. Der Heckenbesucher scheint sich ächzend zu befreien. Der Dritte hat offenbar längst die Flucht ergriffen. Der Uniformierte blutet stark, scheint aber fit. Armin kann sich noch heute gut an die naiv, verschreckte Mimik dieses jungen Mannes erinnern. "Hau ab hier" meint Armin und realisiert umgehend das selbe. Er hat keine Lust auf rechtliche Klärung dieses Irrsinns. Irgend ein Weicharsch wird sicher wieder herausfinden, dass er alles falsch gemacht hat. Letztendlich ist es ja auch frustrierend, dass andere durch ihn erneut spürbar verletzt wurden. Die wiedermal aufgeplatzte Haut seiner linken Fingerknöchel bemerkt er erst viele Minuten später.
Gottseidank dauert es fast zehn Jahre bis Armin wieder in ein ähnliches Dilemma gerät. Noch einmal ca. zwanzig Jahre werden vergehen, bis er sein total verunsichertes Rechtsbewußtsein endlich reflektieren kann. Diese Geschichte war übrigens traumatisch so verdrängt, dass sie erst im Zuge der letzten Wochen wieder ins Bewußtsein reichte. Cirstin bestätigte ihm immerhin Ihre Kenntnis dieser Episode durch Berichte eines Bekannten zur damaligen Zeit. Eines der schlimmsten Erlebnisse überhaupt.
geschehen 1979 - German 07/07
aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite