phlegmaticus

sangoinicus

Traumzeit

Es läuft immer ähnlich ab. Plötzlich ist Armin auf der Flucht im Treppenhaus und findet sich in der Waschküche des Mietshauses wieder. Diese Waschküche befindet sich im Keller des Wohnhauses. Aus irgend einem Grund versteckt er sich generell hinter dem großen Kochkessel in der Ecke. Jedesmal bemerkt er erst, wenn er nicht mehr weg kann, das die Fensterwand mit einer Tür gegenüber viel praktischer gewesen wäre.

Ein bösartiges Wesen hat ihn aus Zimmer und Wohnung vertrieben und nimmt unnachgiebig die Verfolgung auf. Das wütende Gebrüll schallt entsetzlich. Armin stellt sich eine Art Stier auf zwei Beinen mit dunkler, dicker Lederhaut vor. Obwohl dieses Monster nie wirklich in sein Angesicht kommt, hat er wilde Angst vor dessen bösen, roten Augen, Stets brechen diese Träume kurz vor Ihrer beider „Zusammentreffen“ schlagartig ab.

Armin ist vielleicht 3 oder 4 Jahre alt. Ohnehin ist Alter unwichtig für ihn. Etliche Male durchlebt er diesen Traum. Schließlich denkt er auch mal am Tag über diese Erlebnisse nach. Ohne klares Ziel findet sich dann bald eine Lösung. Wieder einmal, als das Untier ganz nahe ist, macht er einfach seine Augen zu und dann wieder auf. Armin ist schlagartig aufgewacht und der böse Traum bleibt zurück.

Ab da an funktioniert es immer häufiger. Böse Träume erscheinen noch sehr oft in der folgenden Zeit. Aber wenn es eng wird, greift der Trick mit den Augen. Die Träume werden schöner. Viele Menschen sind da. Armin lernt sogar fliegen. Nicht oft, aber manchmal klappt es. Armin freut sich am nächsten Tag, wenn er in der Nacht wieder fliegen durfte.

Der böse Stier ist längst Vergangenheit. Die schlimmen Träume aber kommen zurück. Etwas anderes, was weder brüllt noch angreift, macht dem vielleicht fünfjährigen Armin Angst.

Natürlich gibt es zwischendurch auch die normalen schlechten Träume. Armin findet sich manchmal in seinem Kinderbett wieder. Dieses steht mitten in seinem leeren Zimmer. Er schreit und schreit. Doch niemand hört ihn.

Aber diese anderen Träume scheinen gefährlicher. Etwas nicht fassbares irritiert und fordert Ihn. Armin hat endlich wieder richtig Angst. Eines Nachts sitzt er aufrecht in seinem Bett. Am anderen Ende seines Kinderzimmers steht, mitten in der Nacht, die Tür weit offen. Eine ältere, groß wirkende Frau steht leicht links geneigt in ihr. Im Flur dahinter brennt helles Licht. Wo sind meine Eltern? Armin nimmt sich keine Zeit zu reagieren und denkt sprechend: „Ihr seid nicht böse, Ihr habt mir nie wirklich etwas getan“.

Diese streng und zugleich traurig schauende Frau, welche er noch nie zuvor geträumt hatte, strahlt Ruhe aus. Armin braucht diesmal auch nicht aufzuwachen und schaut sogar noch etwas genauer hin. Ihre altertümlich wirkende Kleidung verliert sich jedoch im Lauf der Zeit. Nach diesem Erlebnis hören die bösen Träume allmählich auf. Träume werden nicht mehr so wichtig.

Jahrzehnte später schaut er mit seiner Frau und seinem Sohn komfortabel mitten im 5.1 Surround den Film „forgotten Sense“. Sein Sohn reagiert empfindlich. Armin beginnt sich zu erinnern.

Er denkt zurück an die Zeit, wie er immer wieder im Schlafzimmer seiner Eltern aufgewacht ist. Das Licht brannte gottseidank und er fühlte sich sicher unter der edel wirkenden, rose glänzenden Tagesdecke. Plötzlich wird ihm klar, dass er damals gar nicht aufgewacht ist. Alleine im elterlichen Schlafzimmer, mitten in der Nacht, das Licht brennt, die Tagesdecke. Seine Haare stehen nach langer Zeit wieder zu Berge. Sie werden es erneut tun, wenn er sich am nächsten Tag mit seinem dreizehnjährigen Sohn Siegfried über dessen Träume unterhält.

Phantastisch, wie Leben ganz neu inspiriert,
wenn endlich der eigne Sohn irritiert. ´

german 04/06

 

 

 

aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite