

Die Abreise aus EuroDisney wartet schon. Armin sitzt in der Foyer-Bar des Hotels und denkt an eine weitere Hotel-Übernachtung. Sohn und Vater sind mittlerweile doch etwas erschöpft. Der Flieger geht aber erst morgen früh. Die ursprünglich geplante Nachtvisite nach Paris erscheint also unsinnig. Ihr aktuelles Hotel ist natürlich ausgebucht. Ohne Insider wird es kaum mit einem alternativen Hotelzimmer klappen, weiß Armin und nippt an seinem Bier. Siegfried wollte kurz bei einer lustigen PR-Aktion mit Captain Sparrow verweilen. So sitzt Armin alleine am Tisch. Aber bevor sich Erlebnisse manifestieren, die sich für Armin kurz und bündig als französisch-deutsche Freundschaft einprägen, will noch ein sehr schlimmes Erlebnis in Armins Gedächtnis Platz nehmen.
Dieser Herr dort zwei Tische weiter verfügt über eine markante Stimme. Gerade haben sie sich hingesetzt. Seine Begleiterin ist ein freundliches, hübsches Mädchen mit kräftigen brünetten Haaren. Das Mädchen schätzt Armin auf sechs oder sieben Jahre. Der Herr könnte vielleicht Anfang fünfzig sein. Opa und Enkelkind, denkt Armin und widmet sich wieder seinen Gedanken. Aber irgend etwas stimmt nicht. Armin vermutet später den Tonfall des Herren als Aufhänger.
Armin schaut sich diesen Herrn etwas genauer an. Gepflegte Kleidung harmoniert mit souveräner, selbstbewuter Erscheinung. Bestimmend freundlich hantiert er dieses kleine Mädchen. Das Mädchen wirkt zufrieden und freut sich dieser Zuwendung. Neben seiner durchaus attraktiven Wirkung trägt dieser Herr keine Strümpfe in seinen spitzen Lederschuhen. Herr Strumpflos hat das kleine Mädchen mittlerweile auf seinem Schoß gefangen. Seine Hände streichen beherrscht über den kompletten Körper des ahnungslosen Mädchens.
Trockne Füsse und Hände sind allgemein ein Zeichen für psychologische Ausgeglichenheit. Armin könnte sich Lederschuhe ohne Strümpfe nicht erlauben. Die egoistischen Absichten dieses smarten Herren scheinen aber immer offensichtlicher. Armin hat ein derartiges Szenario noch nie erlebt. Die Zeit ist auch viel zu kurz um wütend zu werden. Herr Strumpflos hat Armins Fixierung sicher schon längst bemerkt.
Plötzlich treffen sich ihre Augen. Armins Stierblick ist selbst in seiner eigenen Familie berüchtigt. Aber sein Gegenüber hält locker stand. Ohne die Miene zu verziehen, zeigt Herr Strumpflos dem irritierten Armin wortlos die Grenzen auf. Seit den Milchkästen kennt Armin seine Kampfkraft einigermaßen. Dieser Gegner scheint sich jedoch gar nicht nötig, Armins Willen überhaupt ernst zu nehmen. Ganz wirkungslos bleibt der Konflikt aber offensichtlich nicht. Herr Strumpflos zahlt schnell, nimmt sein Opfer an der Hand und läßt den ohnmächtigen Armin in der Hotelbar zurück.
Die selbstsichere Routine dieses Teufels hat Armin sehr verunsichert. Wie oft und weshalb wird sich Armin über einen längeren Zeitraum immer wieder fragen. Das moralisch fast schon zu sehr verschlissene Wort "Liebe" scheint und bleibt letztendlich der Schlüssel zur Erkenntnis. Plötzlich fällt Armin sein fehlender Sohn wieder ins Gesicht. Über eine halbe Stunde ist er schon verschwunden. Sofort macht er sich auf die Suche und gerät unwillkürlich in Sorge.
Alles war eindeutig geklärt. Der letzte bewußte, gegenseitige Blickkontakt bleibt immer der Treffpunkt zum Wiederfinden. Aber Siegfried ist verschwunden. Armin hat schnell richtig Angst. Irgendwie sitzt ihm dieser Teufel im Nacken. Plötzlich kommt Siegfried nichts ahnend am Ende eines Hotelganges daher. Armin liebt dessen schlenkernden Gang fast schon und ist trotzdem gereizt. Siegfried erträgt die wütende Kritik seines Vaters standhaft und erklärt dann sachlich, dass ihn ein Durchfall plagt. Diese Toilette hatte Armin ihm sogar (am zweiten Tag) selbst gezeigt.
Schnell kommen die beiden wieder überein. Alles entspannt sich. Armin begreift erst später, dass er die Wut über diesen Herrn "Strumpflos" unwillkürlich an seinem Sohn austrug. Jetzt geht es um die zusätzliche Übernachtung. Die angebliche Erzfeindschaft zwischen Deutschen und Franzosen wird zumindest an diesem Abend einen wirksamen Mückenstich kassieren. Respektvolle Freundschaft hat Armin nämlich nicht erst in dieser Empfangshalle kennengelernt.
Diese Kurzgeschichte ist maßgeblich durch die Rammstein-CD "Mutter" forciert. Armin hört diesen Texten erst 2007 aufmerksam zu. Bei diesen Zeilen läuft btw. "Spieluhr". Die wilde Wut auf diesen strumpflosen Teufel, welcher sicher nicht nur ein junges Leben für seine Schwäche mißbraucht hat, findet sich auch in den Liedern dieser Seelen-Power-Kollektion irgendwie zurück.
Recherchen nach dem Sänger finden schnell zu einem Till Lindemann. Immerhin in einer Generation bewundert Armin die konsequente Energie dieses Boliden. Dankbarkeit für diese mutigen und leidvollen Texte bleibt wesentlich. Im Web entdeckt er ein Plädoyer zum neuen Buch des Herrn Lindemann. Er wird sich dieses Buch nicht kaufen. Armin macht sich seinen eigenen Reim auf das Leben.
Wenige außerhalb seiner eigenen Familie haben so sehr inspiriert. Selbst "Russian Roulette" von Accept (1986) erreicht die Energie der CD "Mutter" nicht. Wenn Armin an diesen strumpflosen Teufel denkt, gefallen ihm diese folgenden Zeilen von Lindemann sogar.
Ich habe ein Gewehr
ich habe es geladen
ein Knall
du hast kein Köpfchen mehr
das seh ich durch die Schwaden
Sie klopfen an die Tür
nun werden sie mich fangen
ich kann doch nichts dafür
ist einfach losgegangen
Denn das Rad oder auch einen Reim neu zu erfinden, ist nicht unbedingt eine Aufgabe von Männern.
german 07/07
aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite