

Es begann eigentlich schon vor zwei, drei Jahren. Dank regelmäßigem Inline-Skating hatten sich die chronischen Rückenbeschwerden in Luft aufgelöst. Bevorzugt früh, noch vor Arbeitsbeginn, standen ca. sechzehn Kilometer auf Rollen an. Immer öfter bekam Armin während des Trainings das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Der nüchterne Magen oder zu wenig getrunken, waren meist die üblichen Gedanken.
Obwohl sich die persönliche Fitness zunehmend verbessert, häufen sich die unangenehmen Würgegefühle und werden sogar noch intensiver. Eines Morgens ist endgültig Schluß mit ignoranter Zurückdrängung. Armin schafft es gerade noch von der Bahn zur Wiese. Auf allen Vieren entleert sich sein angeblich nüchterner Magen mit schmerzhafter Wucht in das frühsommerliche Gras. Armin registriert verwundert diese dicklich grünen Schlieren da auf dem Boden und erinnert sich plötzlich.
Diesen frustrierenden, eklig dunkelgrünen Schleim kennt er nämlich schon. Armin war etwa zwölf, als dieser chronische Schnupfen wiedermal einfach nicht aufhören wollte. Sicher war es irgendwann im Frühherbst, als seine Mutter und er endlich beim Arzt landen. Irgend etwas wollen diese Ärzte durch stechen. Armin spürt trotz Betäubung einen deutlichen Schmerz, als irgendwelche Instrumente durch sein Nasenloch in den Kopf stechen.
Als die Prozedur beginnt, scheint sein Oberkiefer zu platzen. Irgendwie drücken Die was in seinen Kopf rein. Plötzlich kommt dieses Zeug raus. Eine dunkelgrüne, zäh wirkende und ekelhaft riechende Masse fließt träge über einen Schlauch in die bereitgestellte Emaille-Niere. Armin spürt deutliches Entsetzen bei der behandelnden Ärztin. Dieser nierenförmige Behälter ist bald flächendeckend gefüllt. Endlich läßt der Druck nach.
Die haben ihn wohl mit Wasser "gereinigt". Der Schnupfen läßt danach schnell nach. Etwa zehn Jahre später wird sich diese Prozedur in der Berliner Charite samt ähnlichen Details noch einmal wiederholen. Armin weiß mittlerweile, dass diese "Höhle" über dem Oberkiefer für diese verotteten Eitermassen zuständig scheint. Noch einmal (mehr als) zwanzig Jahre später scheint endlich die Erklärung für diesen Giftbunker am Werk.
Seit Monaten spürt der fünfundvierzigjährige Armin schon diesen Abfluß von zäher Flüssigkeit hinter den Mandeln. Wie gewohnt, schluckt er alles runter. Irgendwie wirkt diese Empfindung sogar angenehm. Etwas ganz erstaunliches geschieht zudem mit seiner Stimme. Sie wird zunehmend kräftiger und deutlich tiefer. Selbst seine Frau Cirstin reagiert anfänglich gereizt auf diese "knarrende alte Tür" aus seinem Mund . Armin denkt allerdings schon länger über Ganzheitlichkeit nach. Seine "Befreiung" sorgt also durchaus für ganz neue Herausforderungen. Aber...
Befreit scheint stets gescheit
...seine Frau Cirstin konstatiert ihm mittlerweile einen wesentlich angenehmeren Mundgeruch. Küssen wird zunehmend zur Inspiration an sich. Armin spürt mit zunehmender Sicherheit, weshalb er wahrscheinlich über dreißig Jahre ca. 0,5 Liter angedickten Eiter im Kopf herumschleppte. Psychosomatik haben ihm aufgeschlossene Freunde nahegebracht. Langsam spürt er an seinem eigenen Leben, wie diese funktioniert.
Schwellung ist der Seele Prellung
Armin denkt über Resonanzraum (Kiefernhöhle) und vereiterte Stimmbänder nach. Wieder einmal bewundert er die verlässlichen Konzepte sozialer Evolution.
Wer aus 'ner miesen ecke kommt,
verliert bei Partnersuche prompt.
Ein Freund hört seine Geschichte und meint lapidar "Nase voll". Vielleicht wird der Reim "Mutter" noch eine Erweiterung erfahren. Vielleicht gibt es auch wieder was ganz Neues zum familiären Alltag. Auf jeden Fall muß Armin nun endlich mal "Hochziehen" und "Ausspucken" lernen. Ganz nebenbei spielt auch der zunehmende Salzgeschmack in seinem Mund eine wichtige Rolle. Diese interessante Erfahrung wird hoffentlich bald mit "Sinne" beschrieben.
german 08/07
aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite