

Der vormittägliche Sonnabend bringt tatsächlich noch einmal die wärmende Herbstsonne zurück. Armin hat sein Inline-Skating hinter sich und radelt mit geschulterten Rollerblades über die Landsberger Allee. Zum ersten Mal hatte er versäumt, seine Stoppuhr rechtzeitig einzuschalten. So wurden es wohl zwei oder drei Skater-Runden mehr als geplant. Die Grünphase der großen Kreuzung passt auf die Sekunde. Plötzlich passiert es. Armin will schreien, einfach nur schreien. Aber diesmal geschieht es nicht aus panischer Angst wie vor vierzig Jahren. Es resultiert auch nicht aus entsetzlicher Wut wie noch vor wenigen Monaten. Es ist einfach Glück. Irrsinnig schönes, freies Glück.
Natürlich schreit Armin nicht. Er presst seine Luft leise heraus, und stellt sich seine Schreie lustvoll vor. Was würden denn all die Leute auf der Straße auch denken. Diese Presstechnik hatte er schon viel früher erlernt, um seine Wut zu verbergen. Fröhlich stellt er sich vor, nach Hause zu fahren. Dort wird er übers Internet im Gesetzbuch nachschauen. Es muss doch Regeln dafür geben, wie man sich zu verhalten hat, wenn man glücklich ist.
Gerade rechtzeitig genug entscheidet sich Armin jedoch für seine Firmenräume. Zu oft hatte er seine Gedanken wieder verloren. Diese Gedanken sorgen auch dafür, dass Armin es versäumt, rechtzeitig abzubiegen. Die mächtigen Straßen Berlins haben sehr konsequente Fenster. Aber wie so oft in der letzten Zeit, sind 300 Meter Umweg kein Problem mehr. Ärger kostet das Leben, analysiert Armin, als er später diese Zeilen schreibt.
Bei einem dieser vietnamesischen Lebensmittel-Discounter hält er an. Er braucht noch zwei gekühlte Bierflaschen zum Aufschreiben seiner Gedanken. Armin prüft kurz das Schaufenster und resümiert im Laden befriedigt, wie er durch die erspähte Lücke sein nicht angeschlossenes Fahrrad sehen kann. Die freundliche Frau mit den mutigen Augen ist heute nicht da. Der Mann da wirkt irgendwie noch kleiner als Sie. Immerhin tippt er den korrekten Preis ein. Armin steckt die beiden Flaschen einfach in die Fußschächte seiner Rollerblades. Der Mann lacht laut, und legt Armin ein Gratiskonfekt auf den Tisch. Armin lacht jetzt auch und hat beide Hände frei.
Diese gemeinsame Freude sorgt für eine weitere Entdeckung. Der Schrei kommt nicht am Ende. Er war schon immer ganz am Anfang.
Erstaunlich wie alles funktioniert.
Das Simple in sich selbst harmoniert.
german 09/06


aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite