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Schmiede

Aksakal

Ja, so nennen sie mich fast alle hier. „Hier“ ist unser Karbushivka, ein Dorf im 6 Tage von Almty entfernt mit vielleicht zweihundert Seelen. Nie zuvor lebten hier so viele Menschen wie jetzt. Die meisten von uns sind noch Kinder. Vor etlichen Jahren gab es auch eine schlimme Trockenheit über drei Sommer. Auf den Feldern hatte der Boden tiefe Risse bekommen. Der Hunger sollte mir meine Familie rauben. Im zweiten Sommer starben unsere vier Kinder qualvoll an diesem Typh und im dritten meine Frau an purer Entkräftung. Sie starb allein. Denn ich war im Wald auf Nahrungssuche für uns. Immer tiefer musste ich damals hinein, um etwas zu finden. Oft war ich sogar mehrere Tage unterwegs. Beinahe wäre ich selbst verhungert. Denn die Beeren und Tiere flohen auch vor der Trockenheit. Zehn Jahre nach diesem Sterben geschah etwas, was mich zu dieser Geschichte bewegte. Sie beginnt am Ende der Trockenheit.

Fremder

Irgendwann in dieser Zeit war er einfach hierher gekommen. Zuerst bemerkte ich diesen Fremden natürlich auf unserem Markt. Groß, jung und kräftig war er. Aber er war keiner von uns und sah auch nicht wie ein Russe aus. Die ganze Zeit lief er nur herum und schaute sich alles an. Seine Augen waren auch aus großer Entfernung noch spürbar. Die anderen hefteten ihren Blick daher meist nur in seinen Rücken. Plötzlich machte er sich dann wieder auf den Weg und verschwand in Richtung Wald. Natürlich wurde ich auf meinen Spaziergängen fündig. Drei Tage später entdeckte ich ihn auf einer Waldlichtung südwestlich von unserem Dorf wieder. Er hatte einen dieser vielen verlassenen Höfe schon wieder notdürftig hergerichtet. Zunächst möchte ich jedoch etwas mehr auf meine eigene Zeit bis zu diesem Tag eingehen.

Wald

Im vierten Sommer kam der Regen dann wieder. Viele Gehöfte waren schon verlassen. Vielleicht waren damals noch zwei mal zehn Leute am Leben. Bald kamen wieder neue Menschen in unser Dorf. Der Boden hier ist etwas dunkler als anderswo. Wieder ging alles von vorn los. Mit einem großen Hakenholz wurde der Boden aufgerissen um das Saatgut vor dem Wind zu schützen. Zwei Menschen mussten das Holz ziehen und einer drückte den spitzen Ast am hinteren Ende des jungen Baumstammes in den Boden. So hatten wir es alle in unserer Jugend gelernt. Selber war ich eigentlich auch noch jung genug für eine neue eigene Familie. Aber die Trockenheit würde sicher wieder kommen. Außerdem hatte ich mich längst an den einsamen Wald gewöhnt. Die besten Stellen für Beeren und Pilze waren mir gut bekannt. Selbst bei der Kaninchenjagd wurde ich immer erfolgreicher. Der Verkauf auf unserem kleinen Dorfmarkt schenkte mir längst genügend Zeit für entspannende Spaziergänge in die Umgebung des Dorfes. Dieses weite Land, in welches mich einst nur der Hunger unserer Familie getrieben hatte.

Spritzer

Kaninchenjagd ist nicht einfach. Sie können sehr schnell hoppeln, riechen und hören viel besser als ein Mensch. Wenn überhaupt, erwischte ich oft nur kranke oder alte Tiere. Eigentlich war wieder mal ein ärgerlicher Zufall der Vater des Erfolges. Ein Kaninchenbau hat immer mehrere Ausgänge. Ein besonders großer Bau befand sich etwa einen halben Tag von unserem Dorf in östlicher Richtung. Vielleicht zehn bis fünfzehn Kaninchen hatte er bestimmt zu bieten. Leider klappt gerade hier lange nichts. Irgendwann urinierte ich vor Wut ausgiebig in einen ihrer besonders bevorzugten Ausgänge. Genau diesen sollte meine erhoffte Beute nun wochenlang nicht mehr benutzen. An einem kleineren Bau, viel näher am Dorf, probierte ich dies mit kurzen Spritzern in alle Löcher bis auf eines aus. Langsam aber stetig entwickelte sich eine Methode daraus.

Erfolg

Mittlerweile markierte ich den nächsten Baum an einem kaninchenloach mit weißer Steinkreide. Die Markierung am Baum befand sich immer in Blickrichtung zum jeweiligen Kaninchenloch von der der Mitte des Baumstammes aus. So konnte ich die vielen Ausgänge bei meinen Besuchen schnell wieder finden. Nach und nach hatte ich eine Art Nummersystem entwickelt. Der entsprechende Baum hatte eine Zahl und auch die gesamte Zahl der Löcher zu bieten. Jeden Bau besuchte ich höchstens einmal pro Monat. Solange konnte es nämlich dauern, bis meine Spritzer keinen Geruch mehr hatten. Doch auch die Kaninchen waren Gott sei Dank schnell im Vergessen. War also fast der gesamte Bau „bespritzt“, legte ich mich neben das verbleibende Loch und erholte mich entspannt vom meist mehrstündigen Marsch. Mit meinem Ohr so nahe am Boden war ich plötzlich fast ebenbürtig und konnte unter die Erde hören. Meist dauerte es nur eine halbe Stunde. Offensichtlich trauen sich die jungen, unerfahrenen Kaninchen am schnellsten wieder aus dem Bau heraus. Ihr Fleisch ist noch saftig und brät schnell gar. Immer fing ich nur einen dieser zappligen Waldbewohner und besuchte dann den nächsten Bau. Bald hatte ich auch gelernt, schnell genug zu zufassen. Selten entwischte mir nun die lang erwartete Beute. Sicher zuerst dieser selbst erlernten Jagdmethode verdanke ich meinen mittlerweile dichten weißen Bart.

Rotfell

Meist verzehrte ich die gefangenen Kaninchen schon im Wald. Feuer zum Braten machte ich mit sehr hartem auf weichem Holz. Wenn man gut drehen kann, klappt es sogar bei feuchtem Wetter. Irgendwann hatte ich auch gelernt, wie man das Kaninchenfell beim Schlachten ganz lässt. Zurück im Dorf ruhte ich mich meist nur aus. Das Dach unseres Haus hatte immer noch nicht aufgegeben. Der frühe Verlust meiner Familie hatte mich schweigsam gemacht. Niemandem erzählte ich von meiner Kaninchenjagd. So wurde ich immer älter, blieb aber gesund und kräftig. Allein dies schien viele zu beeindrucken. Selbst Altersgefährten meiner toten Kinder lebten oft nicht mehr. Irgendwann begann ich all die getrockneten Kaninchenfelle zu tauschen. Für diese bekam ich dann Dinge, welche der Wald nicht bietet. Die Felle wurden schnell knapp. Eines Tages brachte man mir einen jungen Fuchs vorbei. Er war nur wenige Wochen alt. Irgendwie mochte ich die kleine Stupsnase sofort. Drei Kaninchenfelle kostete mich der Tausch. Der Kleine sollte Rotfell heißen.

Angst

Nach sechs Sommern war ich also nicht mehr allein. Die ersten zwei Wochen trug ich mein kleines Rotfell in einem Schultersack bei mir. Bald aber war mein neuer Gefährte waldtauglich. Fast ausschließlich Kaninchenfleisch blieb gemeinsame Ernährungsgrundlage. Übliche Mahlzeitreste wurden für meinen kleinen, verzogenen Räuberfreund stets zum Festfressen. Wenn nicht im Schultersack, folgte er mir auf Schritt und Tritt. Erst tief im Wald brachte die Nähe von Kaninchen unsere Rangordnung zu Fall. Rotfells Präsenz sollte meine erprobte Jagdmethode durcheinander bringen. Die Kaninchen kamen einfach nicht mehr aus dem Bau. Scheinbar hatten sie mehr Angst vor ihm als vor mir. Erst als ich meinen Schultersack samt Rotfell etliche Schritte vor jedem Bau an einen Ast hängte, klappte es wieder. Aber auch meine Kaninchenfelle reichten schon lange nicht mehr für die Tauscherei. Denn nicht nur an diesen erfrischenden Wodka hatte ich mich mittlerweile gewöhnt. So kam mir endlich wieder mal eine Idee.

Gatter

Rotfell war mittlerweile fast ausgewachsen und treuer Freund für mich geblieben. Er muss nicht draußen warten und kann selber in den Kaninchenbau. Wenn unerfahrene Neugier stets nur ein Kaninchen bedeutet hatte, würde Angst vielleicht für mehr Beute sorgen. Also musste etwas Neues am Fluchtloch her. Meine Spritzermethode funktionierte nämlich nach wie vor. Zunächst probierte ich eine Art Käfig ohne Dach aus. Wie ein Kreis sollte er um das Fluchtloch stehen. Die Kaninchen sollten so am Weglaufen gehindert werden. Dieser Käfig bestand aus Ästen. Etwas stärkere hatte ich senkrecht in den Boden gebohrt. Biegsame dünnere Äste wurden waagerecht zwischen die starken geflochten. Das Fluchtloch würde ich dann rechtzeitig von außen geeignet zudecken, damit die Kaninchen nicht mehr zurück konnten. Nun schickte ich Rotfell in den Bau. Er verschwand stets, als ob er nie etwas anderes getan hätte. Aber Kaninchen können sehr hoch springen. Erst ab Brusthöhe der Flechtwände schafften sie es nicht mehr. Mit einem langen Gabelholz wurden die meist zwei bis drei ängstlich herumhoppelnden Tiere dann der Reihe nach an den Boden gedrückt und aus dem Gatter herausgezogen.

Rauch

Aber nun zurück zu diesem seltsamen Fremden. Oft wählte ich schon absichtlich einen Umweg, um möglichst unauffällig nach ihm zu schauen. Ab und an bemerkte er mich offensichtlich und hob seine Hand zum Gruß. Ich grüßte erst beim zweiten Mal zurück. Irgendwie irritierte mich seine kraftvolle Zielstrebigkeit. Nach wenigen Tagen stieg Rauch in den Himmel und wurde von Tag zu Tag dichter. Als bald noch laute Schläge wie auf Metall zu mir klangen, konnte sich meine Neugier nicht mehr beherrschen. Ich ging zu ihm hin. Sein rußgeschwärztes Gesicht betonte das golden glänzende Haar noch mehr. Aber das klare Weiß seiner Augen schaute sehr freundlich zu mir herunter. Was machst Du hier, fragte ich unbeholfen. Ich bearbeite Eisen, antwortete er lachend. Dinge aus Eisen wären ziemlich teuer, reagierte ich erstaunt. Das hatte ich auf eurem Markt gesehen, antwortete der große Blonde lachend. Alles Weitere prägte sich derartig tief in meinem alternden Kopf ein, dass es heute noch wie gegenwärtig auf mich wirkt. Auf meine Frage nach seinem Handwerk, bezeichnet er sich als Schmied. Dies hier wird mal eine richtige Schmiede ergänzt er noch.

Eisen

In diesem Mauerofen stelle ich die Kohle her, fährt er ungefragt weiter fort. Er zeigt mir einen wuchtig aufgeschichteten mannsgroßen Bau mit unzähligen Ziegeln des zerfallenen Hauses nebenan. Aus einem eher unförmigen Schornstein entweicht der dunkelgraue Qualm in den Himmel. Wo schläfst Du, frage ich ihn. In meinem Zelt, antwortet er weiterhin lächelnd. Und im Winter? Bis dahin habe ich wieder ein kleines Haus, erfolgt umgehend seine Antwort. Irgendwie weiß dieser Schmied genau, was er will. Weshalb bist Du hierher gekommen, frage ich Ihn endlich. Weil es hier keinen Schmied gibt, antwortet er schon wieder lachend. Brauchen wir denn einen, frage ich zögerlich. Das werden wir noch sehen, reagiert mein Gesprächspartner etwas andächtiger. Immerhin seid Ihr nicht das einzige Dorf in dieser Gegend. Das sind Tagesmärsche, wende ich ein. Nicht zu weit für einen Eisenpflug oder beschlagene Hufe, von scharfen Sensen oder Messern ganz zu schweigen, lautet seine selbstsichere Antwort. Schau mir zu, fordert er plötzlich und zieht eine hellrot glühende Stange aus diesem endlos heißen Kohlebehälter. Nun schlägt er das Ende des butterweichen Eisens mit dem Hammer ganz flach und breit wie einen Kreis. Danach wird das Eisen zischend und dampfend in einem Wasserbad abgekühlt. Das könnte mal ein riesengroßer Löffel werden, erklärt er laut lachend. Endlich muss auch ich mal lachen. Zu zweit freut es sich natürlich noch besser.

Freundschaft

Schon zwei Tage später besuche ich ihn erneut und bringe gleich zwei erlegte Kaninchen mit. Sofort legt der große Blonde seinen Hammer weg und bietet uns einen gemeinsamen Platz zur Pause an. Feuer ist ohnehin da. Selbst beim Schlachten zeigt er mir eine viel bessere Technik. Die Kaninchen werden an den Hinterbeinen aufgehängt. Das Häuten klappt nun viel besser und auch das Fleisch bleibt ganz sauber. Fast fühle ich mich ein wenig beleidigt. Denn nun kommt mir meine selbst erlernte Methode geradezu lächerlich vor. Offensichtlich spürt er dies und klopfte mir sanft auf die Schulter. Nun empfinde auch ich seine große Freude über meine Anwesenheit. Bald sitzen wir gemeinsam vor dem dampfenden Braten. Während der Unterhaltung bemerke ich seine wenigen Worte in unserer Sprache. Aber irgendwie reichen sie trotzdem völlig aus. Ich fühle mich richtig wohl und mag mein Gegenüber unwillkürlich immer mehr. Nun frage ich endlich auch einmal nach seiner Herkunft. Er berichtet von einem großen Fluss der Wolga heißt. Zum ersten Mal wirkt dieser große starke Mann etwas trauriger. Weshalb bist Du dann hier, ergänze ich meine Frage. Es gab dort zu viele von uns, erwidert er schon wieder etwas gleichmütiger. Die Kaninchen sind bald knusprig. Auch dies darf ich in meinem hohen Alter noch dazu lernen. Wird feuchte Kohle verwendet, bleibt das Fleisch saftiger und behält zudem mehr Geschmack. Das Garen dauert zwar etwas länger, aber nun freue ich mich schon auf meinen nächsten Besuch bei diesem großen blonden Schmied. Es wird eine wundersam erfrischende Freundschaft daraus werden.

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Ziel…

Viele Mütter in den Dörfern schicken Ihre Söhne zum mittlerweile überaus erfolgreichen und reichen Schmied in die Lehre. Auf einmal gibt es sogar viel zu viele Schmiede. Letztendlich verlassen viele dieser jungen Männer die Gegend ganz und die ach so ehrgeizigen Mütter bleiben allein zurück. Diese diametrale Entwicklung der „Schmiede“ zum naturverbundenem Überlebenskonzept von Aksakal versucht die Widersprüchlichkeit von technischem Fortschrit zu verdeutlichen.

german 04/09

 

 

 

 

aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite