phlegmaticus

Motorradunfall

Dein Ungeschick die Scherben sandte
spät Schärfe deiner Selbst erkannte.

Alles hat doch noch ganz gut geklappt. Keiner kann das deutlich beschädigte Motorrad sehen. Sicher verschlossen wartet es in der väterlichen Garage. Der Heimweg kostet normal etwa fünf Minuten. Heute wird es wohl etwas länger dauern. Doch der Gipsarm bleibt eine wichtige Erfahrung für den siebzehnjährigen Armin. Alles wird wieder gut. Auch wenn es manchmal länger dauert. Immerhin kann er noch laufen. Die Schmerzen sind auch nicht ganz so doll wie damals. Überraschend kommt ihm seine Mutti entgegen. Erst Jahrzehnte später bemüht sich Erinnerung zu dieser Begebenheit.

Armins Mutti scheint eine beeindruckende Frau. Einer seiner Klassenkameraden vergleicht sie eines Tages spontan mit einer "englischen Dame". Neben ihrer energetischen Ausstrahlung profitiert sie von durchaus attraktiver Optik. Heute kommt sie Armin überraschend auf seinem Fußweg von der Garage entgegen. Das ist neu. Was sucht sie hier? Auto fährt sie nicht. Auch zu ihrer Schule macht dieser Weg keinen Sinn. Derlei Gedanken kommen Armin jedoch erst viele Jahre später.

Ihr Kopf ist leicht gesenkt. Sie läuft schnell. Sie treffen sich. Mutti wirkt extrem gereizt. Also hat Armin wiedermal was falsch gemacht. So ist er dies halt gewöhnt. Die Unfallverletzung interessiert aktuell überhaupt nicht. Irgendetwas reden sie. Dann läuft sie weiter von Armin weg. Also allein nach Hause humpeln. Im Nachhinein komplett verdrängt, bleiben nur schematische Erinnerungen an oberflächliche Behandlung in der Poliklinik und wochenlange Humpelwege zur Straßenbahn.

Schwer zu beschreiben. Dies Dilemma entwickelt sich bis zur Knorpelablösung 15 Jahre später. Eine Spezialklinik rettet vor dem prognostiziertem steifen Fußgelenk. Vier Wochen Aufenthalt im Krankenzimmer stehen an. Zum ersten Mal erlebt Armin einen Menschen, der für eine Hoffnung bereit ist sich selber aufzugeben. Seine Frau. Sie schafft es tatsächlich voller Angst, fast ohne Fahrpraxis und mit einem schreienden Kleinkind (Siegfried) auf dem Beifahrersitz quer durch Stuttgart zu fahren. Nur um ihn jede Woche einmal zu besuchen. Natürlich wird ihm dieses fantastische Privileg leider erst viel, viel später klar. die fünf Jahre warten schon.

Zusammenhänge scheinen problematisch. Vielleicht spinnt Armin ein wenig. Vielleicht heißt er sogar Ödipussi oder so. Jedenfalls bleibt es mühevoll, diese traumatisch verdrängten Erinnerungen hoch zuholen und sachlich zu bleiben. Ist ja so schon schlimm genug. Den authentischen Hinweis liefert ausgerechnet seine Mutter ca. 30 Jahre später. Armin ist allein zu Besuch bei seinen Eltern. Im Zuge seiner "Befreiung" berichtet er von wegbleibenden Beschwerden. Armin meint damit eigentlich seinen lästigen "Spitzrücken" von dem seine (ehemals) so ehrgeizige Mutter noch gar nichts weiß. Sie fragt jedoch sofort nach seinem linken Sprunggelenk.

Eigentlich hätte eine "ausbildungsgemäße" Beurteilung durch seine Mutter (dieser vergleichsweise mittleren Verletzung) eine Familie funktionieren lassen können. Aber so überträgt sich Lebensenttäuschung und resultierender Selbsthass unbewußt generationsübergreifend. Fast zu spät versteht Armin den Schaden, welchen er auch seinen eigenen Kindern zugefügt hat. Zu lange hat er der Phalanx der Kälte nachgegeben. Kein Mann hätte bei dieser Frau gewonnen.

Abschließend bleibt zu vermuten, dass Armin auf Grund seines Unfalles irgendeine "wichtige" Verabredung mit seiner Mutter aus den Augen verloren hatte. Sie hat sich dann offensichtlich auf "Suche" begeben. Wie schon beschrieben, war dieses exakt beschriebene Erlebnis fast dreißig Jahre traumatisch und komplett verdrängt. Das Thema "Verdrängung" wird auf dieser WebSite vielleicht noch eine Bewertung erfahren.

German 07/08