phlegmaticus

sangoinicus

Milchkästen

Es war wohl ein naßkalter Aprilmorgen 1974. Armins Schulklasse hat sich schon fast komplett zur morgendlichen "Politinformation" versammelt. Diese läuft einmal wöchentlich und beginnt eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn. Es nieselt leicht. Einige von Armins Klassenkameraden sind bereits die Treppe zum Eingang hochgelaufen und lungern dort herum. Vielleicht weil sie ins Trockene wollen. Festgelegt ist jedoch, unten zu warten und zwar in ordentlichen Vierer-Zeilen. Plötzlich erscheinen zwei Ordnungsschüler aus dem Schulgebäude. Einen davon hat Armin schon öfter unangenehm kennengelernt. Die zwei Zehnklässler versuchen gereizt, beschriebene Stehordnung wieder herzustellen. Bevor jedoch alles eskaliert, erstmal eine kleine Vorgeschichte.

Armin ist aktuell in der sechsten Klasse und zwölf Jahre alt. Er hat ab und zu mal Probleme mit seinen Klassenkameraden aber noch öfter mit Älteren in seiner Schule. Manchmal wird er von letztgenannten auf dem Schulhof angegriffen. Das er nicht immer gegenhalten kann beschreibt sich mit "Blut". Immer wieder ahnt Armin, dass einige dieser Angreifer aufgehetzt wurden. Auch spürt er irgendwie seine eigene Schuld an diesem Stress, weiß aber keine Lösung. Einer dieser üblichen Ordnungschüler heißt wohl Thilo und drangsaliert Armin schon seit Wochen. Unbegründete Fußtritte und böse Schubser in den großen Pausen sind keine Seltenheit. Dieser Thilo ist nicht übermäßig kräftig. Aber knapp 5 Jahre Alterunterschied sind doch ein wenig fett für aktive Gegenwehr. Außerdem haßt Armin diese Kämpfe und lernt zunehmend zurück zustecken.

Das Theater auf den verregneten Treppen vor der Schultür zeigt sich zähe. Scheinbar nervt diese beiden Ordnungschüler das zögerliche Reagieren seiner Klassenkameraden. Armin steht, von Anfang an, wie auch angewiesen, unten. Plötzlich schaut dieser Thilo wütend nach unten, zu Armin. Vielleicht schaut Armin wieder mal falsch, keine Ahnung. Jedenfalls kommt dieser Thilo auf einmal die Treppe runter und schubst ihn böse. Armin stürzt nach hinten direkt in die Kastenstapel mit leeren Milchflaschen hinhein. Vieles stürzt um. Armin steht schnell auf und meint "Die bezahlst Du!". Genau diese Reaktion entzieht sich Armin aber noch viele Wochen. Armin hatte und hat dieses Problem noch öfter. Er nennt dies viele Jahre später "Emotionalschock".

Thilo will erneut wütend schubsen. Doch Armin schlägt, weit nach oben, mit der linken Faust zu dessen Kinn. Ängstlich dreht sich der Schläger (Armin) schnell rechtsherum und fürchtet den Gegenschlag. Sekundenbruchteile später dreht sich der Schläger weiter und landet den nächsten Kinnhieb. Dies geschieht nach exakt gleichem Schema 3 oder 4 mal.
Wilde Angst aber auch wilde Wut haben Armin getrieben. Der locker anderthalb Kopf größere Thilo hat nicht einmal zurückgeschlagen.

Armin hört auf und schaut seinen Gegner an. Sein Gesicht wirkt irgendwie schief. Offensichtlich will er noch etwas sagen. Dies klappt aber nicht. Thilo rennt plötzlich weg. Erst 25 Jahre später erfährt Armin bei einem Klassentreffen, das Thilos Unterkiefer nicht nur ausgerenkt sondern gebrochen war. Eine persönliche Nachprüfung, dank immer noch verhandener Kontakte, bestätigt diese schlimme Erkenntnis. Armin mag diese inoffizielle Gladiatorenmasche überhaupt nicht. Aber erst der Federschmied wird ihm zumindest in seiner Heimatstadt endlich Ruhe schenken.

Immer wieder mal sind Armins Gedanken bei all diesen Erlebnissen. Die Biographie von "Mahatma Gandhi" hat er über nur drei Nächte reingesogen.
Sicher nicht sein Ding. Der Kampf bleibt ein Mittel der Wahl. Aber eben nicht so, wie es mit ihm geschehen ist. Armin weiß eigentlich schon länger um was es geht. Ein dekadentes Konzept scheint dieses zeitgeistige Frauen-Männer-Debakel. Es wird sich zeigen, wer übersteht oder nicht. Armin hat keine Lust auf "nicht" und plant "Böse".

Erst durch diese Geschichte versteht Armin endlich, weshalb der Faustidiot in "Tschapka" erst nach seiner viel schwächeren Rechten Hand in den Busch marschierte. Die Rechte kam bei Armin nämlich meist von unten. Solch "technische" Details" wirken vielleicht zynisch. Aber RecordEinschaltQuoten bei Faustkämpfen im TV erinnern Armin auch an den halben Saal samt frischer Luft beim "Federschmied". Armin will kein Zuschauer werden. In diesem Leben jedenfalls nicht.

Dieser Konflikt hat natürlich noch ein komplexex Nachspiel und endet vorerst mit einem Schulverweis für Armin. Das dieses inakzeptable Verhalten von Thilo überhaupt keine Rolle spielte, gehört zu den vielen unverständlichen Erlebnissen Armins. Generell bemüht man sich in dieser dogmatisierten Welt um die Auswirkungen und nicht die Ursachen.

german 07/07

 

 

 

 

 

 

aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite