
Der späte Herbst zeigt bereits spürbare Kälte. Doch Armin setzt beim Roller-Blading immer noch auf seine robusten Jeansklamotten. Mindestens 4 Tage pro Woche frequentiert er damit eine Stunde lang die 160er Pulsgrenze. Danach begleiten meist zwei Kindl-Biere die entspannte Abkühlung samt angenehm einsamer Gedanken.
Doch zunächst heißt es "schieben". Bevorzugte siebener Rollen seiner Blades erleichtern das oft erforderliche Bremsen auf der Skaterbahn. Für die geplanten sechzehn Kilometer pro Stunde ist daher quälender Beinschub angesagt. Diese extra für Skater gebaute Strecke ist ziemlich genau 800 Meter lang und genehmigt exakt drei Minuten pro Runde, wenn die Stunde reichen soll. Armin mag diesen betonten Trainingseffekt.
Inline-Skating greift nicht ganz so effizient wie übliches Jogging. Jedoch fordert die Balancephase auf einem Bein massiv die Stützmuskulatur des Rückens. Zudem fällt der Stauchfaktor des Joggens praktisch weg. Armin kennt Rückenprobleme zur Genüge. Er musste sich über Jahre seitlich aus dem Bett rollen, um dann langsam über alle Viere aufzustehen. Dies ist aber längst Vergangenheit.
Heute läuft es wieder ganz gut. Nur wenige Spaziergängerpulks versperren den Weg. Auch ein Rollstuhl kommt Armin schon zum dritten Mal entgegen. Der Besitzer wirkt klein und abgehärmt. Sein Kopf hängt leicht seitlich über. Die Augen blicken leer. Ein junges Mädchen schiebt seinen Stuhl und gewinnt Armins Aufmerksamkeit.
Sie ist einfach nur schön. Komplett schwarz gekleidet, bewegt Sie den Rollstuhl des Alters geradezu unlustig vor sich her. Sicher betont der Kontrast zum Transport Ihre Wirkung. Aber das dichte, hellblonde Haar und die blassblauen Augen sind nur Begleiter ihrer unmutig zusammengepressten Lippen. Armin nennt sie sofort Marlene und beschäftigt sich skatend mit ihrer scheinbar schlechten Stimmung.
Die nächste Runde bringt eine Entscheidung. Armin reduziert den Speed und kassiert einen kurzen Augenaufschlag. Mit einem „Das ist wirklich lieb“ versucht er Marlene Mut zu zusprechen. Ein zaghaftes Lächeln entschädigt für alle Zweifel der Unschlüssigkeit. Doch die Bahn ist recht voll und der Beinschub verlangt weiter Konzentration.
Beim nächsten Gegenverkehr schaut das Mädchen aufgeschlossener und redet mit Ihrem Rollstuhlfahrer. Schon eine Runde später beugt sich ihr schönes Gesicht hinunter zum alten Mann. Sie spricht engagiert und mit freundlicher Mimik. Die folgende Runde zeigt den Alten plötzlich erwacht. Er sitzt aufrecht im Stuhl und gestikuliert beim Sprechen zu Ihr.
Seine Hände, sie zeigen und die Augen sind klar,
Nur Kontrast zeigt die Schönheit so wunderbar.
Aus dem lustlosen Transport ist doch tatsächlich ein gemeinsamer Spaziergang geworden. Armin weiss natürlich nicht genau, ob seine Äußerung dafür wichtig war. Aber er bildet sich dies einfach ein. So bringt sich einfach noch etwas mehr Freude zu diesem kühlen Herbstvormittag.
siehe auch Kinderwagen
Erlebt 11/06 Beschrieben 04/07 german
aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite