

Aus Respekt und Anerkennung vor diesem eigentlich guten und trotzdem so benachteiligten Mitmenschen meiner Jugend verwende ich hier den Original Vornamen und möchte damit achten und ehren.
Im März 1971 sitzen Mutti und Papa wiedermal spätnachmittags in der Küche. Mutti ruft den neunjährigen Armin dazu. Papa verkündet ihm freudestrahlend, dass Armin jetzt Judoka wird. Eine Anzeige in der Zeitung informiert über die Gründung eines neuen Vereins sowie Termin und Treffpunkt. Armin akzeptiert diese erneute Überraschung und bejaht natürlich die Frage nach seinem Interesse daran.
Der erste Treffpunkt steigt vor der Sporthalle einer Schule. Das Wetter ist regnerisch und die schmutzigen, halbverwitterten Klinker der Schulgebäude schüren eine düstere Stimmung an diesem späten Nachmittag. Mutti ist mitgekommen. Doch vor dieser Halle steht nur ein Mann. Er wird Armins erster Trainer werden. Armin weiß noch nicht wie er heißt. Irgendetwas klappt aber nicht. Armin hört kurze Sätze über einen fehlenden Schlüssel. Mutti und der Mann besprechen etwas.
Der nächste Termin funktioniert, jedoch nicht mehr bei dieser Schule. Armin findet sich auf zwei ausgerollten Filzmatten wieder. Die Matten liegen auf der Bühne eines Veranstaltungsraumes. Die Vorhänge sind aufgezogen. Armin ist jetzt alleine mit dem Trainer. Er heißt Herr Spoty. Herr Spoty hat schwarze Haare und wirkt so als ob er eine japanische Mutti hatte. Er scheint permanent zu lächeln. Dabei zuckt sein Gesicht manchmal ganz leicht. Das linke Augenlied ist leicht runtergezogen und passt irgendwie zu seinem schwarzen Gürtel. Armin mag Ihn sehr schnell. Herr Spoty zeigt Ihm die ersten Festhaltegriffe.
Armin freut sich, dass er diese Bodengriffe nach einigen Wiederholungen versteht. Bald kommen mehr Jungen zum Training. Sogar Mädchen sind dabei. Doch zur ersten Gürtelprüfung darf Armin nicht antreten. Er hat große Probleme die erforderlichen Bewegungsabläufe zu erlernen. Er war der Erste und bleibt wieder der Letzte. Auch die nächste Gürtelprüfung läuft ohne ihn. Mutti reagiert, und Papa nimmt seinen Sohn mit in die Kaserne. Er beauftragt einen Soldaten mit Ihm zu üben. Armin moniert sofort dessen nicht parallele Beinstellung beim O-Goshi. Doch der Soldat bleibt locker. Er hat blond glänzende Haare und einen blauen Gürtel. Sie haben viele Armee-Decken in einem Zimmer aufeinander gelegt. Plötzlich schauen ganz viele Männer zu. Armin mag komischerweise diesen seltsamen Sockengestank. Er fühlt sich motiviert und führt abschließend seine erlernte Fallschule vor.
Irgendwann kommt auch Marcel zum Training. Er ist fast zwei Jahre älter als Armin, aber wie die meisten zu dieser Zeit, kleiner und leichter. Marcel ist ein Talent. Viel später beim Duschen in der Schwimmhalle, bewundert Armin unbewußt seine kräftigen Hoden.
Eine kurze Kampfszene an einem dieser vielen Wochenenden prägt sich bei Armin ewig ein. Seine Verträumtheit unterbrechend, sieht er auf der Judo-Matte einen riesigen, blonden Holzfällertypen, der gegen Marcel kämpft. Er nennt diesen Holzfäller sofort Cajanus. Blonde kurze Haare, sture blaue Augen und ein langer mächtiger Oberkörper.
Cajanus macht Marcel echt zu schaffen. Armin vermutet ein unklares Gewichtsklassenproblem. Marcel liegt drunter und Cajanus schnürt immer weiter zu. Plötzlich befreit sich Marcel elegant wie ein Delfinschwimmer aus der Umklammerung. Während Cajanus in seiner Langsamkeit noch an Marcel’s Hinterteil klebt, streckt Marcel beide Arme mitsamt seinem athletischen Oberkörper vom Boden nach oben. Voll beeindruckender Natur holt Marcel nun erst mal richtig Luft. Das war Luxus genug. Armin entfernt sich wieder zu sich und erfährt auch nicht, wie der ungleiche Kampf zu Ende geht.
Zwischendurch laufen andere Dinge ab. Armin ist unbeliebt. Seine Judokameraden mögen ihn nicht. Sogar die Trainer bewirken ihn als potentielles Problem. All dies eskaliert zwangsläufig. Auch gibt es zwei Gruppen im Verein. Die Einsteiger und das sogenannte Trainingszentrum. Aber bevor Armin die schlimmen Erlebnisse seiner Sportjugend schildert, scheint Marcel noch etwas wichtiger.
Marcel ist ein beeindruckend muskulöser Junge. Es stimmt fast alles. Er trägt halblange, hellblonde, lockige Haare auf seinem Kopf. Sein Gesicht findet Armin nicht so schön. Viele Jahre später wird er begreifen, dass ihn eigentlich nur Marcel’s Augen irritierten. Marcel hat nicht unbedingt diese fast charmanten Bewegungseigenschaften wie einige andere Trainingskameraden. Doch seine urwüchsige Kraft gleicht dies mehr als aus. Bei einem Trainingsvergleich wird ausgerechnet Armin ausgewählt, Situps mit Gewichten zu machen. Marcel hat nämlich gerade gezeigt, was er drauf hat. Armin schafft nur das halbe Gewicht und außerdem noch weniger Wiederholungen.
Marcel wird Jahre später Dritter der Junioren-Europameisterschaften. Als er etwa 5 Jahre später seinen Sportclub in Leipzig verläßt und wieder nach Cottbus zurück kommt, scheint er ein gewachsener Mann. Armin entdeckt ihn in einer Diskothek wieder. Marcel sieht einfach nur gut aus. Seine knackig ausgewaschenen Jeansklamotten recken sich förmlich an seiner kraftvollen Ausstrahlung. Auch Armin hat sich verändert. Die beiden begrüßen sich und reden kurz aber recht herzlich mit einander. Marcel wird schnell zu einer Art Kultfigur in der Cottbusser Jugendszene. Ein deutlich späteres, abschließendes, sehr kurzes und leider traurig prägendes Wiedersehen mit Marcel soll absehbar ein selbstkritisches Finale für diese Jugendstory liefern.
Etwa in diese Zeit fällt auch Armins schlimmste Erfahrung, was überflüssige Schlägereien angeht. Auf einer üblichen Sonnabend-Disko in o.g. Ort bei Cottbus wurde Armin dermaßen verprügelt, dass zwei behandelnde Ärzte im Stadt-Krankenhaus eine Schädelversackung (linkes Auge) vermuteten. Verrückter Weise fiel einem Mitglied dieser Prügelgang plötzlich Armins Liason mit Marcel ein. Fast augenblicklich lies die Übermacht dieser frustrierten jungen Männer von Armin ab. Aber soweit ist es eigentlich wieder noch nicht. Armin ist immer noch 12 Jahre alt und versteht es nach wie vor nicht, mit seinen Altersgefährten klar zu kommen.
natürlich geht es jetzt erst richtig los
german 05/06
aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite