
Zu viert waren Die und doch bleibt mir klar
es wieder so böse Warnung nur war
Manchmal dauert es nur wenige Tage, manchmal auch Jahrzehnte. Sogar oft vielleicht kehrt die Erinnerung überhaupt nicht mehr zurück. Jedenfalls neigt Armin dazu, extreme Konfliktsituationen zumindest sequenzweise aus seinem Gedächtnis zu verbannen. Interessanterweise sollte erst seine Frau Cirstin sachliche Beschäftigung mit derlei Posttraumata provozieren.
Ein spätabendlicher heftig verbaler Schlagabtausch nach über zwanzig Ehejahren endete glücklicherweise doch noch in nächtlichem Einvernehmen. Am nächsten Tag reagierte Cirstin auf Armins Bitte um Entschuldigung mit dem Hinweis, "Dass wir uns doch gar nicht so gestritten hätten".
Armin entsetzte diese Reaktion um so mehr. Wer seine eigene Frau zu traumatischer Verdrängung zwingt, hat mit Sicherheit nicht nur einiges falsch gemacht. Ohne den unsinnigen Versuch Cirstin aufzuklären, fallen Armin viel später eigene "Emotionalschocks" wie
Milchkästen | Dilemma | Motorradunfall oder Tschapka ein.
Während derartiger Gedankengänge betrachtet Armin wiedermal die immer noch zunehmende Schwellung der geprellten Grundgelenke von Zeige- und Mittelfinger seiner linken Hand. Die Erinnerung wird diesmal wohl deutlich schneller zurückkehren. Aber zunächst ein kleiner Rückblick auf sehnsüchtige Vergangenheit, welche zumindest einen wichtigen, subjektiven Anteil an zu beschreibendem Erlebnis besitzt
Der Friedhof schließt bereits um 20.00. Armin besucht gegen 22.00 Uhr trotzdem (wie schon öfter) noch die verschlossene Gittertür. Ab hier sind es vielleicht nur fünfzig Meter Luftlinie zum Grabstein seiner Schwiegermutter Margot. Es ist Mitte Januar 2010 und meist sehr kalt in diesem Jahr.
Armin mag diese Kälte eigentlich. Sein etwas zu groß geratener Kopf kühlt dadurch scheinbar ab. Armin friert deshalb draußen weniger als in der eigenen beheizten Wohnung. Viele wissen nicht, dass das menschliche Messzentrum für Außentemperaturen eben ziemlich zentral im Kopf sitzt. Wenn also die Gedanken heizen...
Margot starb sehr früh mit nur zweiundsechzig Jahren. Noch lange später hoffte Armin etwas sentimental, dass sie vielleicht doch noch mal mit Ihrem mausgrauen Mantel überraschend um die Straßenecke kommen würde. So wie damals, als sie noch am Leben war. Die Trauer ist auch heute noch, fast acht Jahre später, nicht vorbei.
Jedenfalls mag Armin schon seit seiner Kindheit die Ruhe der Dunkelheit. Ein oder zwei Bier in einer der vielen Kiezkneipen reichen meist locker für ausschweifende, ausgleichende, einsame Gedankengänge beim spätabendlichen Spaziergang. Diese Gedanken sorgen auch für einen völlig neuen Weg durch diesen Friedrichshainer Kiez.
Vom Weidenweg will er nur links runter und nimmt eine der Querstraßen, welche er tatsächlich noch nie gelaufen ist. Mal gestreut, mal nicht, verkrustete Schneehöcker und teilweise ausgefallene Beleuchtung sind eher üblich. Gedankenverloren sowie fixiert auf die Straßmannstraße, ignoriert er die günstigere Mühsamstrasse und bemerkt eher unbewusst einige Fussgänger, welche wohl von der Straßmann und ihm nun entgegen kommen.
Armin läuft langsam. Das fünfzigste Lebensjahr wartet schon. Gedanken schweifen um seine Familie, Vergangenes und Erforderliches. Sein Kopf ist gesenkt und die Hände in den Taschen drücken seine Thermojacke an die Hüften. Es bleiben angenehme und doch auch wieder skeptische Emotionen am Werk. Unwillkürlich registriert er nun erneut vier entgegenkommende, groß gewachsene, sogar athletisch schreitende junge Männer, welche nicht reden. Armins Unterbewußtsein macht wiedermal seinen Job.
Trotz der kaputten Straßenlampe scheint an absehbarer Schnittstelle mehr als genug Platz. Armin schwenkt nach rechts an die Häuserfront und bemerkt sofort zunehmendes Konfrontationsverhalten dieser Vier. Na gut, harter Schwenk nach links über die Schneehöcker. Aber umsonst. Der "linke Bruder" schert extra aus und produziert einen harten Check auf Armins rechte Schulter.
Durch seine eigene Schlagbewegung weicht Armins Kopf dem wütendem Schwinger des Remplers fast automatisch aus. Armins Linke landet irgendwie zwischen Jochbein und Nasenflügel dieses "linken Bruders". Die folgende Rechte erwischt den rechten Nachbarn, welcher ebenfalls ausholend zu Armin strebt, irgendwo am Unterkiefer links (von unten). Beide rutschen (mit den Armen rudernd) aus und fallen nach hinten. Der Dritte stolpert über diese Zwei und landet auf allen Vieren. Alles dauert insgesamt maximal drei Sekunden.
Nur der Vierte und größte (über 1,90) steht etwa anderthalb Meter dahinter abwartend und scheinbar schockiert. Armins Faustschläge haben die eigenen Schuhe regelrecht in den verkrusteten Schnee gerammt. Seine etwa 120 Kg sieht man Armin bei nur 1,86 Meter Körpergröße nicht an. Mit vollem Adrenalinpegel hopst Armin etwa einen halben Meter zurück und brüllt "Wollt Ihr noch mehr?!"
Nur langsam kamen all diese Details nach über zwei Wochen endlich wieder zurück. Ohne die geprellten Fingergelenke wäre dies wahrscheinlich ausgeblieben. Jedenfalls nutzte Armin die aktuelle Verwirrung dieser vier Angreifer für einen umgehenden Rückzug in umgekehrter Richtung. Er hörte noch, wie ordinäre und politische Fäkalien schon weit weg durch die Dunkelheit brüllten.
Vielleicht ein früheres Erlebnis ließ ihn auf Türken tippen. Jedenfalls berichtet er zunächst seiner Cirstin erste Einzelheiten und über die Konfrontation an sich. Dämlicherweise rutscht ausgerechnet eine türkisch betriebene Bar (Rose/Straßmannstraße) als nächstes in Armins Informationsbedürfnis. Erst als Armin in der Lage ist, Cirstin weitere Details mitzuteilen, klärt Sie auf:"Wenn die alle über 1,80 waren, waren das sicher keine Türken. Die sind meist kleiner" lautet Cirstins sachlicher Hinweis.
Letztendlich zwar dürftige Beschreibungsdetails wie dunkelfarbige Bomberjacken, Haarfarbe, Nasenprofile und Dialekt erlauben jedoch eine zumindest ziemlich sichere Herkunftsvermutung. Welche ebenso sicher hier keine Rolle spielen wird. Wiedermal ging alles viel zu schnell. Armins Hoffnung, dass diese Vier ihn eigentlich nicht kannten, erfüllt sich zunehmend intuitiv. Egal, der glatte Winter war dieses mal Armins Glück. Schutzengel, meint Cirstin. Die kommen aber auch nicht umsonst, reagiert Armin etwas eitel.
Wie schnell man von frustrierten "Teams" brutalst zusammengetreten wird, weiß Armin nicht nur aus eigener Erfahrung. Selbst ein Dominik Brunner zeigte konsequent auf, wie gefährlich präventive Gewalt (ohne echten Überblick) letztendlich bleibt. Erst fast zwei Monate später beläuft Armin die komplette Strecke neu und entdeckt den Ort der Konfrontation mit absoluter Sicherheit wieder. Direkt vor der Nummer 9 in der Löwestraße.
Nach wie vor erreichen Armin beklommene Gefühle wenn er nur in die Nähe dieser Straßennummer kommt. Denn mittlerweile besucht er ganz gern eine Metzgerei, dessen Betreiber er eben im German Mariners Pub kennen lernte. Viel später erklärt sich für ihn eine letztendliche Unklarheit. Weshalb haben die Ihn nicht verfolgt? Die waren viel jünger und auch schneller. Mit einiger Sicherheit ahnt er, das wiedermal sein zweiter Abwehrhieb, konsequenten Schaden angerichtet hatte. Der war K.o. denkt er und weiß nicht ob er so eine Art Glück wirklich mögen sollte.
german ab 08.03.2010 22:42
aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite