

Armin ist mit seiner Frau Cirstin wiedermal in Cottbus. Sie besuchen ausnahmsweise das Mietshaus in der ehemaligen Helmut-Just-Allee. Armin hat hier seine Kindheit erlebt. Tatsächlich steht über 30 Jahre später unter dem Parterre-Balkon links immer noch: „kawinskie ist saudoof“. Irgendein beleidigter Zeitgefährte hat es damals mit purem Stein in den Putz geritzt. Natürlich hat auch dieser Kratzer wieder K mit H verwechselt. Armin wird viele Jahre später der Namensachtung endlich Bedeutung beimessen.
Aber die Zeiten waren schon seltsam. Mit Malerfarbe hatten Sie diesen bösen Spruch riesengroß an die Rückwand der weißen Garage seines Papas geschmiert. Wenn er wirklich so saudoof war, weshalb gaben die sich dann solche Mühe, dachte Armin viel später. Aber Sie gaben sich doch auch Mühe. Immer wieder fand Armin damals Spielkameraden. Er spürte, wie schön es ist, mit anderen zusammen zu sein. Irgend etwas machte er trotzdem fast jedesmal falsch. Derlei Erinnerungen holen Armin wiedermal ein.
Er ist 12 oder 13. Es hat sich wohl schon rumgesprochen, dass er gut gegen hält. Beim Kopfballspiel unter den Wäschestangen vorm Wohnhaus gibt es ein Platzproblem. Ein 2 oder 3 Jahre älterer Rotblonder will selbst hier spielen. Armin verteidigt diesen Platz auch für seine Spielgefährten. Der Rotblonde heißt Horsch, hat viele Sommersprossen, eine lange Nase und trotzdem ein weiches Gesicht. Armin kennt ihn schon lange vom Sehen. Er konnte ihn noch nie leiden. Viele Jahre später wird er begreifen, dass schon damals Augen und Mimik anderer eine wichtige Informationsquelle für ihn waren. Horsch ist mindestens einen Kopf größer und bedrängt den jüngeren Armin.
Doch Armins Angst hält sich schon länger in Grenzen. Blutige Lippen sind auch kein Problem. Armin genießt die völlig ahnungslose Haltung der Sommersprosse. Ein Tritt zwischen die Beine… Doch plötzlich ruft seine Mutter wütend vom Balkon: „Er soll gegenhalten“. Endlich wieder irritiert, spürt Armin die Lügen der Erwachsenen. Gewalt ist ja so schlecht und jetzt doch wieder gewünscht. Schon passiert es. Ein Schwinger dieser Lahmsocke läßt Armins Lippen platzen. Er dreht sich um und geht weg. Armin weint nicht so oft. Aber diesmal ist es wieder so weit.
Mutti redet nicht mehr mit Armin über dieses Erlebnis und er will dies auch gar nicht. Er hat ohnehin die Milchkästen hinter sich. Die meisten Erwachsenen findet er mittlerweile bescheuert. Manchmal findet er eine Frau oder einen Mann ganz gut. Dann öffnet er ein wenig und erzählt über seine Gedanken. Aber die Guten sind alle so schnell wieder weg. Endlich kommt dann Sperling. Sperling ist genau drei schöne Schuljahre da.
Aber bis dahin muß Armin noch ein paar Jahre warten. Und außerdem ging die Einsamkeit schon viel früher los.
Armin genießt noch heutzutage ein wunderschönes Erlebnis. Früh am Morgen liegt er zwischen seinen Eltern in ihrem Ehebett. Das Fenster ist hell und Papa und Mutti sind richtig lieb zu ihm. Sie amüsieren sich über seinen kleinen Leberfleck auf dem Bauch. Mutti stippt sogar mit ihrem Finger darauf. Armin ist vielleicht 3 oder 4 Jahre alt. Seitdem weiß er unwideruflich, dass auch seine Eltern eigentlich gute Menschen sind.
Aber das Leben sucht seine eigenen Wege. Irgend etwas passt nicht. Armin kennt nichts anderes und wird viel Zeit benötigen, es selbst heraus zu finden. Bemerkenswert bleibt vielleicht noch die Traumzeit. Diese Traumzeit lebt immer noch. Am heutigen Tag (welcher eben auch diesen „kratzigen“ Rückblick inspirierte) hat der mittlerweile 45jährige Armin mit seinem 13jährigen Sohn Siegfried einen schönen Vormittag erlebt. Sie fahren per Fahrrad durch das hintersinnig lebendige Berlin.
Siegfried hat in seinem jungen Leben schon einiges hinter sich. Aber mittlerweile hält er sich richtig gut. Cirstin hat Armin gebeten, Geld abzuheben. „Abzuheben“ ist eigentlich ein unpassendes Wort für diese Aktion. Armin verträumt diesen Auftrag prompt und radelt an der „Bank“ vorbei. Siegfried fährt geduldig hinterher und klärt Armin bei nächster Gelegenheit auf. Natürlich radeln beide zurück. So, jetzt ist wieder Geld da.
Seit geraumer Zeit empfindet Armin angenehme Erfüllung wenn er mit seinem Sohn etwas unternehmen kann. Dies war aber leider nicht immer so. Plötzlich versteht Armin, dass seine kindlichen Altergefährten schon damals recht hatten. Er ist wirklich viel zu lange „saudoof“ gewesen. Sich selbiges auf die älter werdenden Jahre doch noch abzugewöhnen, dürfte sicherlich nicht einfach werden.
Die Narben des Lebens scheinen gern als Beschwerden.
Geduldiger Mut läßt zu Kratzern sie werden.
german 05/06
aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite