sangoinicus

Kinderwagen

Fast ein Jahr nach „Marlene“ schickt der Altweibersommer schon wieder spürbare Wärme auf den Parkour im Preußenhainer Volkspark. Armin hat sich mittlerweile viel schnellere Roller-Blades geleistet. Mit diesen schafft er an die 20 Kilometer pro Stunde. Schon im vergangenen Sommer hatte er dadurch schmerzhafte Bekanntschaft mit einer Eiche gemacht. Einige Kinder waren direkt vor ihm auf die Bahn gerannt und hatten damit ein rechtzeitiges Bremsen unmöglich gemacht. Das rettende Ausweichmanöver endete eben und abrupt an dieser kräftigen Eiche, derer recht viele den Innenrand dieser Skaterbahn säumen. Eine schmerzende linke Schulter sollte noch Monate an diesen Unfall erinnern.


Doch Geschwindigkeit bleibt eine Verlockung. Auch heute entdeckt Armin fast vierhundert Meter vor ihm, wie ein offensichtlicher Vater seinem kleinen Sohn das Fahrradfahren beibringen möchte. Natürlich wieder mal auf dieser Skaterbahn. Eigentlich existieren einige separate Asphaltbahnen direkt neben dem Hauptparkour. Beim Vorbeirollen mit reduzierter Geschwindigkeit ruft Armin dem Pärchen kurz „Das ist gefährlich“ zu. Der Vater ruft gereizt zurück „Dies ist keine Privatbahn“.

Armins Adrenalinspiegel steigt ob solcher Unvernunft sofort deutlich. Aber ein früheres Erlebnis mit eben einem Kinderwagen läßt ihn besonnen bleiben. Die nächste Runde bringt ein betont freundliches „es geht um deinen Sohn“ aus Armin hervor. Tatsächlich sind die beiden in der folgenden Runde verschwunden. Der Ton macht die Musik, denkt Armin zufrieden und ist stolz auf sein beherrschtes Erfolgserlebnis. Gleich zehn Minuten länger als geplant treibt ihn heute die Freude um die Skater-Bahn.

Der gleiche Sommer hatte jedoch auch einen ähnlichen wesentlich unschöneren Konflikt dieser Art zu bieten. Ein warmer Sonnabenvormittag mitten im Mai sorgt fast immer für eine volle Bahn. Einige Skater bevorzugen stets den Uhrzeigersinn bei der Rundenfahrt und sorgen somit schon mal für unnötigen Gegenverkehr. Heute ist jedoch auch noch eine junge Familie samt Kinderwagen auf der Bahn unterwegs. Direkt außerhalb der des ca. achthundert Meter langen Asphalt-Ovals befindet sich auch eine für Fußgänger angelegt Spazierrunde. Armin denkt wieder an seine linke Schulter und ist schnell ziemlich gereizt.

Schon bald klappt es mit einem ersten Crash. Da der offensichtliche Vater auch noch neben dem Kinderwagen läuft, welcher von der Mutti geschoben wird, landen zwei Skater eines entgegen kommenden Pulkes stolpernd auf dem Rasen außerhalb der etwa zweieinhalb Meter breiten Bahn. Vielfache Bremsgeräusche begleiten diesen unnötigen Zwischenfall. Allerdings werden wieder mal keine Beschwerden laut. Armins Erwartung, den Leichtsinn dieser Familie in der nächsten Runde geläutert zu sehen, wird jedoch enttäuscht.

Ziemlich geladen und deutlich hörbar presst Armin beim Vorbeirollen ein „manche Männer raffen es einfach nicht“ heraus. Die umgehend wütende Reaktion dieses „Kinderwagenbeschützers“ ruft sofort angebotene Schläge hinter Armin her. Armin ist fast auf einhundertachtzig, versucht sich aber wieder etwas zu beruhigen. Das nächste Aufeinandertreffen eskaliert. Etwa dreißig Meter vor Armin übernimmt sein Widerpart plötzlich den Kinderwagen und versucht selbigen direkt vor Armins Nase zu lenken.

Mit Müh und Not schafft Armin es auf nur einem Blade rechts vorbei, kollidiert deutlich mit der Bordsteinkante und kassiert zu allem Überdruß noch einen wütenden Faustschlag auf seine linke Schulter. Nun ruft die echauffierte Frau wütend hinter ihm her „Ob er noch ganz dicht sei“. „Frag mal Deinen Mann“ brüllt Armin wütend zurück.“Mit nem Kinderwagen! Sowas macht man nicht“ folgt eine entschlossene Ergänzung. Die nächste Runde sorgt noch einmal für diesen unerwünschten, aber nun schweigenden Gegenverkehr. Die Familie verlässt den Parkour endlich. Ein deutliches Hämatom auf Armins linker Schulter bleibt wiedermal Gedankenstütze für mehrere Wochen.

Aber irgendwie hat es nicht nur an dieser Familie gelegen. Armin spürt sicher, dass auch sein eigenes Verhalten diesen Konflikt forcieren mußte. Letztendlich hatte er genau damit aber das Gegenteil vom Gewünschten erreicht. Das kleine Baby im Kinderwagen kann ja nun wirklich nichts für all diese Unvernunft der Erwachsenen. Irgendwie hatte das Böse wiedermal gewonnen und zwei offensichtlich gereizte Menschen für sich benutzt. Direkt nach diesem Erlebnis formuliert Armin wieder mal einen entsprechenden Reim und nimmt sich vor, in Zukunft vernünftiger zu agieren.

siehe auch Marlene

german: erlebt 09/07 aufgeschrieben 01/09

 

 

 

aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite