


Spätestens mit dieser Geschichte begreift Armin im nachhinein, dass die Zeit um sein zwölftes Lebensjahr sich erstaunlich intensiv entwickelte. Eine kleine Episode aus der zwölften Zeit soll nicht unerwähnt bleiben. Es muß Frühjahr sein. Denn bei diesen warmkalten Temperaturen würde man im Herbst noch keine Mützen tragen. Armin hat das Sternbild Löwe und ist demzufolge auf dem Weg zu seinem dreizehnten Geburtstag. Seine Mütze ist eine todgraue Armee-Tschapka dieser NVA. Am frühen Abend sitzt er mit einem Erwachsenen und zwei anderen Kindern aus seinem Haus auf einer Bank. Die Bank ist hellgrün gestrichen und steht direkt links neben der Eingangstür ihres Wohnhauses. Alles wirkt so entspannt. Keiner redet. Sogar diese Mütze schenkt Wärme. Armin hofft spontan, dass er nicht mehr älter wird. Zwölf Jahre sind doch gut. Dann wird er sicher noch öfter diese schönen Momente erleben.
Diese Sitzbank steht auch wirklich gut auf dem Boden. Irgendwann hat nämlich ein Bekannter der Mutti aus der Nachbarwohnung Gehwegplatten vor der Haustür verlegt. Die Mietsparteien haben dafür wohl Geld dafür zusammengetragen. Es ist ein heißer Sommer, einige Jahre vor diesen zwölfer Minuten. Armin erlebt einen dunkelhaarigen Mann in kurzen Lederhosen, welcher es schwitzend und ächzend tatsächlich schafft, den ganzen Platz vor der Haustür mit sauber verlegten Steinplatten zu bedecken. Die Begrenzungsplatten hat er geschickt halbiert und senkrecht in den Boden gesenkt. Er verwendet eine gespannte Schnur, damit alles gerade und ordentlich aussieht. Armin ist fasziniert vom Ergebnis. Denn der Lederhosenmann hat nur einen Tag für Kiesbett, Plattenklopfen und Aufräumen benötigt. Der vielleicht achtjährige Armin empfindet diesen blonden, runden und stark riechenden Kies als besonders beeindruckend. Er gibt nach und wird dabei immer fester. Irgendwann gibt er dann aber nicht mehr nach und hält eine ganze Menge aus.
Armin ist außerdem irritiert durch die vielen Muttis aus seinem Wohnhaus. Sie stehen die ganze Zeit herum und schauen diesem einen Mann mit ihren streng wirkenden Augen zu. Einige haben sogar die Arme verschränkt. Endlich bringt Armins Nachbarmutti eine Trinkflasche zum Lederhosenmann. Armin schaut nicht die gesamte Zeit zu. Er fährt mit seinem Fahrrad weg. Wieder hat er irgendetwas nicht verstanden. Es hat ihm nicht gefallen, aber er weiß nicht was. Überhaupt braucht er manchmal Minuten oder sogar Jahrzehnte um bestimmte Erlebnisse zu reflektieren.
Von der Mutti mit den silberschwarzen Haaren ist er auf jeden Fall enttäuscht. Sie hat überhaupt nicht lieb geschaut. Wieder in seinem zwölften Lebensjahr setzt diese erwachsene Frau den negativen Punkt aufs „I“. Irgendwie steht ein Lastkraftwagen vor dem Wohnhaus. Alle Familien bringen Gerümpel aus dem Keller. Die silberschwarze Mutti steht wieder vor dem Haus herum. Ihr Mann wuchtet ein kaputtes Fahrrad auf die Ladefläche. Armin hat schon viel Zeit mit seinem eigenen Fahrrad verbracht. Schon mit 6 Jahren durfte er ein 24er fahren. Seine Eltern hatten es für ihn gekauft. Nahezu alles hatte er an seinem Fahrrad schon zerlegt und erfolgreich wieder zusammengebaut. Dieses Gerümpel- Fahrrad war sogar ein 26er. Armin sah sofort, dass nur wenig Arbeit nötig würde, um es wieder flott zu machen. Mutti hatte ihn ohnehin beauftragt ihren Müll aufzuladen. Beim nächsten Gang schnappte er sich einfach das Fahrrad und trägt es von der Ladefläche an der Silbermutti vorbei in den linken Hauskeller. Der Keller der Silbermutti war nämlich hinter der rechten Vortür des Hauskellers. Die Silbermutti sieht zu, reagiert aber nicht.
Bald ist alles aufgeladen. Armin stürzt sich danach umgehend auf seine neue Beute und baut gleich eine echte Felgenbremse für das Vorderrad an. Seit etwa 3 Jahren hat er immer wieder brauchbare Teile von kaputten und alten Fahrrädern abgebaut und sogar einige erfolgreiche Tauscherlebnisse hinter sich. Seine eigene Holzkiste im Keller enthält ein richtiges Ersatzteillager. Diese Felgenbremse für das Vorderrad ist sein bestes Stück. Der Mittagessenruf seiner Mutti wird jedoch eine schlimme Erfahrung für ihn vorbereiten. Nach eilig verschlungener Mahlzeit, vermisst Armin sein neues Fahrrad im Keller. Es steht schon wieder, mitsamt der kostbaren Felgenbremse, auf der mittlerweile gefüllten Ladefläche des LKW. Armin fragt jetzt die Silbermutti, ob er es nicht doch haben kann. Sie antwortet jedoch richtig wütend und sieht einfach nur noch wie eine schwarzgrau gefiederte Krähe aus. Armin hört nicht mehr hin und will sich das Fahrrad einfach wieder zurückholen.
Die Krähe ruft ihren Mann herbei. Dessen Worte bremsen Armin auf dem Weg in den Keller. Der Ehemann nimmt Armin das Fahrrad wieder weg. Armin läuft eilig zu seiner Mutti und bittet um Hilfe. Mutti steht ihm bei und redet recht eindringlich mit dieser Krähe und ihrem Mann. Der braunhaarige Mann hat bereits wenige derselben auf dem Kopf und schaut irgendwie komisch. So, als ob er eigentlich keine Lust hat. Aber es führt kein Weg mehr zu diesem vernachlässigtem Fahrrad. Letztendlich weiß Armin, dass er selber schuld ist. Hätte er das Fahrrad richtig im Familienkeller eingeschlossen, wäre gar nichts passiert. Mit diesem Unmut erwachsener Menschen hat er wiedermal nicht gerechnet. Das dieses Erlebnis sein Verhalten zu dunkelhaarigen Frauen nachhaltig beeinflussen wird, begreift Armin erst viele Jahre später.
Nachzugeben scheint nicht schwer.
Der Raum dafür scheint groß und leer.
Erst wenn im Raum kein Platz mehr ist,
dann lernst Du, wie Du wirklich bist.
German 03/06
aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite