

Wiedermal einer der lästigen Spaziergänge am Sonntagnachmittag. Mutti und Papa legen Wert auf diese regelmäßigen Pflichtmärsche. Armin mag seine Hose nicht. Die Beine sind viel zu lang, bis zu den Schuhen hinunter und so glatt gebügelt. Seine Freunde haben alle kürzere Hosen. Da kann man auch die Knöchel noch ein wenig sehen. Der fünfjährige Armin schämt sich für seine langen Hosenbeine.
Sein sauberes weißes Hemd und die dünne Kunstlederkrawatte interessieren Ihn weniger. Auch mit den spitzen Schuhen kann er leben. Aber die fehlende Luft da unten stört ihn.
Es sind die mittleren 60ziger. Armin ist geborener Cottbuser. Die sich periodisch wiederholenden Spazierstrecken sind ihm bekannt. So alle 3 bis 4 Wochen kommt die Spree dran. Eine bestimmte Stelle der Route irritiert ihn stets aufs neue. Ziemlich verrostet und vom Weg hinweggebogen, leidet ein Geländer aus grobem Winkeleisen. Es wirkt völlig überflüssig, viele Meter vom Ufer der Spree entfernt.
Dann geschieht es auf einmal. Er meint zu seiner Mutti, „hier bin ich mal doll hingefallen“. Mutti schaut erstaunt. Wie kommst Du auf so etwas? Ich kann mich nicht erinnern. Armin ist verunsichert und akzeptiert die Meinung seiner Mutti.
Jahre vergehen. Armin ist 9 oder 10 Jahre alt. Für die Familienatmosphäre ist heute nachmittag wiedermal ein Fotoalbum angesagt.
Manche Abende hat Armin seine Mutti beim Kleben und Schnippeln der Dias und Bilder erlebt. Ohnehin mag er Ihre fast stetige Freundlichkeit. Mittlerweile reagiert er einigermaßen aufmerksam auf die vielen Eindrücke. Diese Fotos von ihm im Strumpfhosen-Outfit gehören sichtbar zusammen.
Da ist das doch,brabbelt er. Du hast es fotografiert. Was? Meint seine Mutti. An diesem Geländer, da bin ich hingefallen, antwortet selbstbewußt Armin. Armin! meint freundlich tadelnd seine Mutti. Die ersten Erinnerungen liegen zwischen 2 und 3 Jahren. Du warst da gerade mal ein Jahr alt.
Wieder geirrt. Armin ist irritiert. Jahre später schaut er ohne seine Mutti diese Bilder seiner frühesten Kindheit an. Er sieht endlich und unbeeinflußt in diese gerade gelöschten, verheulten Augen seiner ersten Erfahrungen auf eigenen Beinen.
Nun ist es wieder da. Es geschah so überraschend. Es tat so weh. Es war so hoch und tief zugleich. Es bleibt alles von Anfang an verschwommen. Mit Müh und Not hat sein Schreck das freundlich, fordernde Gesicht seiner Mutti über seiner Notlage erkannt. Weshalb weiß Mutti dies trotz all der Fotos nicht mehr?
Zu dem scheint ihm irgend etwas an dieser Erinnerung nicht gefallen zu haben. Auch heute noch schwebt das mütterliche Gesicht mit eben dieser seltsam kühlen Freundlichkeit über Armin's naiv verwunderter Empfindung.
Die Regel das Chaos zum Schein kontrolliert.
Schnell hat sie als Teufel das Sein pervertiert.
German 03/06
aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite