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sangoinicus

Glöckner

Umweg

Nasskaltes Wetter begleitet diesen Montagmorgen im April 1999. Etwa fünfundvierzig Minuten hat die Autofahrt schon gedauert. Ausnahmsweise hat sich Armin mal nicht verfahren. Pünktlich, zum vereinbarten Zeitpunkt drückt Armin den Klingelknopf zu Herrn von Heinforth. Ziemlich schnell erscheint eine Frau aus diesem gepflegt wirkendem Haus. „Bitte warten sie kurz, mein Mann kommt gleich“ informiert diese charmant freundliche Dame am Tor des Hausgartens. Armin sinniert kurz über ihre natürliche, angenehme Ausstrahlung und genießt gleichzeitig den intakten Fassadenstuck dieser etwas kleineren Villa. Eigentlich hatte das Ansinnen seines Kunden etwas verwundert. Zum ersten Mal soll er einen Schulungsteilnehmer von dessen Privatwohnung zur Schulung chauffieren. Aber auch der Anblick des gepflegten Gartens belohnen für diesen kleinen Umweg. Ein Theater soll diesmal wohl der Seminarort sein.

Sicher ein Mitarbeiter dieses Theaters, denkt Armin und hört plötzlich schwer und ungleichmäßige wirkende Schritte. Der Mann da kaum kleiner als seine Frau und zieht beim Gehen sein linkes Bein leicht nach. Die Haustreppe steigt er fast seitlich hinab. Armin mustert erstaunt sein breites massiges Gesicht und denkt sofort an Quasimodo. Sicher wirkt der Kontrast zu seiner attraktiven Frau mit. Aber auch die Augen dieses Mannes scheinen nicht auf gleicher Höhe. Er trägt unter dem Regenmantel einen Frack, welche Armin oft an Pinguine erinnern. Dieser Mann, welcher trotzdem wie ein Herr wirkt, stellt sich noch einmal kurz vor und schaut auf Armins Auto. „Nur ein Japaner“, spricht Armin verschämt über seinem Toyota Carina. Bis hier hat er es ja geschafft, antwortet der Herr und wirkt negativ inspiriert.

Natürlich öffnet Armin die Beifahrertür selbst und lässt sich anschließend von diesem Herren zum Ziel dirigieren. Nach kurzer Fahrt erreichen sie das Fürstenpark-Theater, wie Armin mittlerweile weiß. Irgend etwas hat sich während der kurzen Fahrt wieder entspannt. Herr von Heinforth führt Armin in sein Arbeitszimmer und irritiert unwillkürlich aufs Neue. Zwei ziemlich große Raubkatzen aus Bronze bewachen sitzend einen wuchtigen Arbeitstisch aus massivem Hartholz. Roter Teppich und allgemein rustikales Ambiente lassen Armin irgendwie an Gründerzeit denken.

Bühnenmeister

Armin stolpert beinahe dank allzu vieler Eindrücke. Doch Herr von Heinforth hat sich schon um einen zweiten Drehsessel gekümmert und gibt Armin rechtzeitig ein lohnendes Ziel. Endlich nebeneinander sitzend, öffnet dieser Herr ein nagelneu wirkendes Sony-Notebook auf seinem Tisch. Das Betriebssystem startet automatisch. Armin spürt eine deutliche Abneigung seines Sitznachbarn gegen dieses Gerät. Doch ein Schreck kommt selten alleine. Auf dem Notebook ist bereits Windows 2000 installiert, welches Armin noch nie benutzt hat. Immerhin weiß Armin, dass sich dieses aktuellste Betriebssystem ähnlich wie Windows 98 bedienen lässt. Damit fällt ihm auch wieder sein eigentlicher Schulungsauftrag ins Gesicht. Schon geht es los. Eine routinierte Eröffnung prägt den Seminarbeginn.

Die vielen Zwischenfragen dieses Herren verdeutlichen Armin jedoch Verständnisprobleme. Erfolglose Versuche dem beginnenden Leerlauf entgegen zu wirken verstärken nach und nach Armins Nervosität. Erstaunlicherweise reagiert dieser zunächst so distanziert wirkende Herr von Heinforth nicht unwillig. Mit defensiver, freundlicher Geduld bestärkt er sogar noch diese fast ängstliche Sympathie, welche Armin schon während der gemeinsamen Autofahrt bemerkt hatte. Armin registriert solche Fairnis durchaus. Aber sein Kopf heizt auf Hochtouren. Er denkt an das wunderschöne Schillertheater seiner Heimatstadt Cottbus. Seine Jugendjahre im Theater-Ring. Fernsehberichte zur Regiearbeit von Sitzplatz 45 aus. Hallende Geräusche von Fußtritten der Künstler auf dem Bühnenparkett. Irgendwie muß er sich in seinen erwartungsvollen Seminarteilnehmer hineindenken. Sonst geht dieser Job den Bach runter.

Tatsächlich, vielleicht nur Sekunden später, macht es Klick. „Wie nennt ihr den, der die Kulissen ändert?“ platzt Armin hastig heraus. „Den Bühnenmeister“ tönt Herr von Heinforth erwartungsvoll zurück. Ok, das Betriebssystem ist also der Bühnenmeister und diese Programmsymbole sind die Schauspieler, agiert Armin. Was bin ich dann? fragt Herr von Heinforth sichtbar beeindruckt. Sie sind der Regisseur, antwortet Armin umgehend. Eigentlich bin ich Intendent dieses Theaters, reagiert sein Gesprächspartner. Für Armin passt jetzt endlich alles zusammen. Der Frack, die Villa, das Arbeitszimmer und natürlich dieses Theater haben jetzt ihren Chef. „Den Intendenten übernehme ich heute“ reagiert er unüberlegt und wörtlich.

Wieder folgen Schrecksekunden. Aber Herr von Heinforth lächelt fast unmerklich und bietet Armin eine kleine Tour durch sein Theater an. Mit beherrschter Emotionalität beleuchtet er das Engagement so vieler Menschen für eine ehrwürdige Kunst, welche um ihr Überleben kämpft. Armin bleibt noch heute, über acht Jahre später, beeindruckt von diesem Erlebnis. Die Schulung geht bald weiter. Plötzlich passt alles. Der Login wird zum Einlassportal, die Hilfefunktion zum Soffleur und selbst der Windows-Papierkorb präsentiert sich deutlich komfortabler als sein physisches Original.

Respekt

Die Mittagspause steht an. Herr von Heinforth schlägt Armin völlig überraschend ein Lokal vor. Natürlich hat Armin diesem würdevollen Angebot nichts entgegen zu setzen. Das Lokal präsentiert sich tatsächlich als ebenbürtiges Terrain. Irgendwas mit Pilzen schmeckte sehr gut. Armin weiß es nicht mehr genau. Ganz andere Aspekte inspirieren Armin immer heftiger. Der direkte Blick dieses Herren hatte Armin schon im Auto gefallen. Damit kann er stets etwas anfangen. Eben kurz und bündig. Armin fühlt sich auch in diesem Lokal keinesfalls dominiert, jedoch fair und konsequent interessiert. Fast ungläubig registriert Armin diese mächtige, fast liebevolle Ausstrahlung seines Gesprächspartners, welche so gar nicht zu dessen äußerlicher Erscheinung passt. Nach solch ambitioniertem Mittagsmahl erfährt auch die Schulung schon bald ihren optimalen Erschöpfungszustand.

Diese „ganz anderen Aspekte“ blieben schnell auf so einer Art gedanklichen Halde liegen. Einordnung misslingt zunächst. Erst Jahre später, als Armins Ehe sich nach einem fast tödlichem Konflikt (dank Armins "Befreiung") zu neuen Horizonten lebt, beginnt er langsam zu verstehen. Denn seine Frau gewann damals innerhalb weniger Wochen zu neuer, faszinierender Schönheit zurück. Jahrelanger Haarausfall verlor sich zusehends. Selbst ihren hoffnungsvollen Mädchenblick hat seine Frau mittlerweile zurück gewonnen. Armin bringt diese Erfahrung zunehmend mit emotionaler Resonanz in Verbindung. Irgendwann finden seine Gedanken auch wieder zum Fürstenpark-Theater zurück. Diese Dissonanz der Äußerlichkeit zur Innerlichkeit erhebt sich zum Hauptkonflikt der Gegenwart. Endlich versteht Armin auch die offensichtlich beeindruckende Harmonie zwischen dieser schönen Frau und dem „Glöckner“(von Notre Dame) wie Armin ihn damals spontan nannte.

Deutlich mehr als eine Stunde und zwei Biere hat es gedauert, bis Armin in der Lage war, den letzten Absatz dieser Geschichte zu realisieren. Die Jahre der Gedanken an beschriebenes Erlebnis sollten nicht vergessen werden. Irgendwann kommt einfach so ein Tag und dann machst du es. Herr von Heinforth bleibt ein Fixpunkt für Armins Erkenntnissuche. Wenn jemand seine Äußerlichkeit für seine Innerlichkeit opfert um seinen Nächsten zu helfen, gewinnt das Leben neue Chancen. Nur so wird es immer sein. Herr von Heinforth hatte Armin einen kurzen Blick hinter die Kulissen der Erfüllung gewährt. Für diesen unerbittlichen Respekt vor der Hoffnung auf Güte wird Armin lebenslang dankbar bleiben.

German 06/08

 

 

aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite