



Tante Gertraud in Moßen ist Muttis Schwester. Armin besucht Sie und Ihre Familie sehr gerne. Oft fragt er Mutti, wann Sie denn wiedermal nach Moßen fahren. Als Armin noch ganz jung ist, geschieht dies auch sehr oft. Tante Gertraud hat einen Mann, Onkel Gorhard. Er scheint nicht so groß und stark wie sein Papa. Aber er redet öfter. Armin hört ihm gerne zu. Außerdem gibt es noch zwei Cousinen. Die zweite kommt viel später auf die Welt. Armin findet sie sehr niedlich und bewundert ihre goldblonden Locken. Tante Gertraud und Onkel Gorhard besitzen einen Weinberg direkt über diesem großen Fluß, der Olbe.
Viele Jahre später besucht Armin seine Verwandten in Ihrem neuen großen Haus. Armin hat seine spätere Frau mitgebracht. Sie heißt Cirstin und ist ein wunderschönes, edles Geschöpf, auf das Armin sehr stolz ist. Doch in Gertrauds Haus ist niemand. Armin und seine Freundin laufen die lange Straße wieder zurück. Tante Gertraud sitzt dann doch in einem Auto, welches den beiden entgegenkommt. Ihr Schwiegersohn fährt Sie. Armin springt wie ein Rumpelstilzchen auf der Straße herum. Das Auto hält an und Sie laufen sich entgegen. Armin drückt seine Tante zur Begrüßung und ihn überrascht in Ihren weichen Armen etwas wunderbar Angenehmes. Er kennt so ein Gefühl eigentlich nicht und wird es auch nie vergessen. Etwa ein Jahr später ist Polterabend. Armin heiratet seine Freundin und auch Tante Gertraud ist da. Tante Gertraud freut sich sehr, ganz im Gegensatz zu Armins sehr irritierten und offenbar eifersüchtigen Mutter. Tante Gertraud interessiert sich für den groß gewachsenen Armin und scheinbar für alles. Armin unterhält sich zufrieden mit Ihr. Gertraud erzählt unbefangen und nebenbei, dass Armin als ganz kleines Kind einige Wochen bei Ihr war. Sie meint zudem, dass Armin sich weinend wehrte, als seine Mutti ihn wieder abholen wollte.
Aber soweit ist es wiedermal noch nicht. Armin ist gerade 6 Jahre alt und beobachtet seinen Papa und Onkel Gorhard auf dem Weinberg in Moßen. Die beiden stehen jedoch eine Ebene höher und unterhalten sich. Armin möchte gern zu Ihnen. Er traut sich jedoch nicht zu fragen und läuft die lange Weinbergwand entlang, um eine Treppe zu finden. Aber er findet sie nicht. Armin entschließt sich, die hohe Mauer hinaufzuklettern. Sie scheint etwa doppelt so hoch wie Armin, doch die groben Mauersteine gucken weit heraus. Armin hat es beinahe geschafft. Aber ein Stein fast ganz oben ist locker. Armin zieht ihn mit seiner linken Hand heraus und verliert den Halt.
Beim Aufprall auf dem Boden spürt er einen schlimmen, noch unbekannten Schmerz. Armin hat sich das rechte Handgelenk gebrochen. Der laute Schrei läßt auch die großen Frauen wieder auftauchen. Tante Gertraud muß den verflennten Armin ins Krankenhaus tragen. Denn Mutti hat einen dicken Bauch. Armins Schwester kündigt sich an. Armin ist ziemlich kaputt, aber weshalb die starken Väter dies nicht übernehmen, versteht er schon damals nicht.
Der Doktor schaut sich den Arm an. Armins Arm wird geröntgt und später in einer Narkose gerichtet. So ein Gipsarm ist doch wieder mal was Neues. 2 Wochen später muß der Arm wieder neu gebrochen werden. Der erste Doktor hat den Gips nicht über das Ellbogengelenk gelegt. Die beiden Knochen, Elle und Speiche, sind ganz schief zusammengewachsen.
Der andere Doktor in Cottbus ist ein ganz bekannter Arzt. Armin wird sehr schnell erneut operiert. Eine lange Narbe am Unterarm hilft ihm nun endlich Rechts zu verstehen. Armin ist nämlich Linkshänder. Jahre später erfährt er von Mutti, dass der Doktor Stonhauser auf seine Mutti scharf war. Jetzt versteht Armin die seltsame Eile damals. Er ist der Schönheit seiner Mutti sehr dankbar. Mutti erzählt noch viel später von Schlagsahne, Ablecken und seltsamen Gelüsten dieses Herrn Stonhauser. Norbert spürt jedoch nicht die offizielle Abneigung in Ihrer Stimme.
Doch den Gips muß der Kindergartenjunge noch fast zwei Monate tragen. Seine Erzieherinnen beschweren sich bei Mutti über Schläge mit dem Gipsarm im Kindergarten. Armin hat seine erste Phase der Gleichgültigkeit. Es interessiert Ihn eigentlich nicht mehr, ob er nun beliebt ist oder nicht. So ziemlich alles prallt an ihm ab. Irgendwann kommt der Gips weg. Armin hat nur noch einen dicken, festen Verband. Mutti schneidet Ihn eines Tages mit einer großen Schere einfach durch. Eine dicke, braune, seltsam riechende Schicht befindet sich auf seinem Unterarm. Mutti redet von Epithel-Zellen. Armin denkt an verfaulte Haut.
Fast genau zehn Jahre später wird er sich das gleiche Handgelenk nochmal brechen. Armin ist von den Judokas zu den Ringern gewechselt. Armin ist mit seinen 16 Jahren 1,80 groß und wiegt um die 80 Kilo. Das harte Trainingslager in den Ferien hat ihn seiner letzten Fettreserven beraubt und für gute Kondition gesorgt. Obwohl er eigentlich nur klassisch ringt, soll er heute gegen einen älteren Freistiler kämpfen. Sein Gegner ist etwas leichter als er. Armin mag Freistil überhaupt nicht. Besonders diesen Spaltgriff hasst er. Dabei fasst der Gegner zwischen die Beine und zerrt schmerzhaft am Schritt herum oder versucht oft sogar das ganze Hinterteil von Armin hochzuheben. Klassischen Ringkampf findet Armin ritterlich. Die Kämpfer dürfen nur oberhalb der Gürtellinie angreifen. Er hat einen kräftigen Oberkörper und ist kurz vor seinem zweiten Handgelenkbruch sogar Dritter der DDR-Jugendspartakiade geworden. Für einen normalen Freizeitsportler ist dies durchaus etwas besonderes.
Der Kampf gegen diesen Freistiler läuft schon ein oder zwei Minuten. Armin hat mehr Kraft, aber sein erfahrener Gegner ist viel zu beweglich für Ihn. Aus purer Angst vor diesem Spaltgriff versucht er den Kampf nun endlich zu entscheiden. Doch der rabiate Wurfversuch scheitert. Beide stürzen aus mittlerer Höhe wieder ab. Sekundenbruchteile später sieht Armin die komische Stufe in seinem Handgelenk und versucht verzweifelt, den Kampfrichter daraufhin zuweisen. Der merkt es schließlich und bricht den Kampf ab.
Erst über 4 Stunden nach seiner Verletzung landet Armin endlich auf dem Operationstisch. Sein Unterarm hat nun vor und hinter der Bruchstelle zwei breite blaue Ringe bekommen. An die rettende Betäubungsspritze erinnert er sich später fast verzückt. Als Armin erwacht, stehen seine Eltern am Bett, Armin spürt richtig Liebe und ist fast froh, sich wiedermal den Arm gebrochen zu haben. Es wird nicht der letzte Gips werden, den Armin trägt. Seine dünnen Gelenke scheinen einfach zu schwach für diesen jahrelang trainierten Körper.
Das einzig wirklich Große an Armin ist nämlich sein riesiger, kantiger Schädel. Mutti erzählt ihm viel später, dass er als ganz kleiner Junge seinen Kopf immer auf die Schulter legen mußte. Ab und an meint Sie auch etwas von dementsprechender Intelligenz. Armin spürt irgendwelche festen Hoffnungen bei Ihr. Dies gefällt ihm sogar. Fast drei Jahrzehnte später begreift Armin auch, dass er all die Jahre unwillkürlich versuchte, seinen eher schlanken und spannungsschwachen Körper an diese dreiundsechzig Zentimeter Kopfumfang anzupassen. Armin versteht endlich, dass seine wuchtig wirkende Gesichtssprache von den meisten zum Klischee für seine Persönlichkeit und auch seine körperliche Kraft verwendet wurde. Wenn er mit seiner gewachsenen Lebenserfahrung so manchen Menschen auf der Straße beobachtet, glaubt er, dass es vielen anderen auf Ihre Weise ähnlich erging.
Wieder ein später Sonnabend in seiner Heimatstadt Cottbus. Der zweiundzwanzigjährige Armin streift mit seinem Freund Ansgar durch die nächtliche Atmosphäre von Cottbus. Der Wehrdienst ist vorrüber und Armin hat endlich mal Erfolgserlebnisse mit Frauen. Ansgar ist der ältere Bruder von Armins bestem Freund Thorben. Thorben ist unglaublich stark und war ohne jedes Training mehrere Jahre der stärkste Schüler in Armins Heimatstadt. Ansgar ist auch sehr sportlich aber viel intellektueller als Thorben. Armin bewundert diese Familie mit zwei solch außergewöhnlichen Söhnen.
Mitten im sogenannten Stadtzentrum droht eine Straßenbahn vor der Nase wegzufahren. Armin sprintet los. Die sechs-stufige eher flache Treppe nach unten nimmt er mit einem Sprung. Doch diesmal vergisst er sein seit Jahren geschwächtes linkes Sprunggelenk. Armin ist Linkshänder. Die zwanghafte Begradigung zum Rechts-Schreiber in der Schule hat er erfolgreich bewältigt. Heute ist er rechts geschickter und links immer noch viel stärker. Aber seit dem ungeschickten Motorradunfall vor über 4 Jahren verdient das linke Sprunggelenk seinen Namen nicht mehr. Armin hat daher recht schnell eine spezielle Landetechnik nach Sprüngen erlernt. Er benutzt den rechten Fuß als Vorreiter und federt sein Körpergewicht über fast maximal gebeugte Knie ab. So erlernt eher unbewußt eine sehr elastische Methode um Sprünge zu beenden. Noch Jahrzehnte später verblüfft der 100kilo-Papa seinen Sohn mit fast lautloser Landung nach vier oder fünf Stufen im Treppenhaus.
Doch bei diesem Treppensprung hat Armin vor lauter Lebensfreude den Überblick verloren. Er benutzt den linken Fuß wie eigentlich vorgesehen, spürt einen schweren Schmerz, rollt sich ab und steht wieder. Ansgar kommt nachgerannt und fragt belustigt, ob Armin immer so fulminant die Straßenbahn besteigt. Nein, sagt Armin, „das Gelenk ist im Arsch“. Wir müssen in’s Krankenhaus. Ansgar lacht laut. Armin kennt diese Haltung seiner Nächsten noch nicht so richtig. Viel später wird er lernen müssen, das seine Schwächen für diese scheinbar nicht existieren. Einige scheinen manchmal sogar zu warten, dass er endlich mal auf die Schnauze fliegt. Ansgar wartet nicht. „Deine Späße kenne ich“ sagt er wörtlich.
Doch Ansgar ist ein echter Kumpel und schleppt den mental etwas erschöpften Armin regelrecht in das Krankenhaus. Der durchschnittlich wirkende Verantwortliche dort schickt Ansgar samt Armin einfach nach Hause.
Auch Armins Heimatstadt Cottbus hat Entfernungen von einigen Kilometern zu bieten. Der dementsprechend erschöpfende Heimweg schenkt Armin sogar einen brauchbaren Nachtschlaf. Sein unförmig angeschwollenes Fußgelenk hüpft er am Morgen zur nächsten Klinik. Am späten Nachmittag erfährt Armin, nun wieder im Krankenhaus, das sein gebrochenes Sprunggelenk durch einen viel älteren Bänderabriss komplettiert wird. Sein Motorradunfall und all die lästigen Beschwerden fallen Ihm wieder ein.
erlebt 1983 - German 03/06
aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite