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Fettkeks

Armin kommt schon sehr zeitig mit Büchern in Berührung. Am Anfang sind es diese Bilderbücher mit dicken Seiten aus Pappe und Tierbildern. Armin kann sich kaum an Sie erinnern. Später liegen Sie nur noch herum und er kennt irgendwie ihre vergangene Rolle. Doch Bücher werden auch ganz anders an Armin herangetragen. Oft sitzt seine Mutti abends an seinem Bett und liest ihm eine Geschichte vor. Mutti berichtet ihm viel später, dass sie bestimmte Märchen immer wieder aufs neue vorlesen mußte. Die Bremer Stadtmusikanten bleiben all der Zeit absoluter Favorit. Der vielleicht vierjährige Armin kennt die komplette Geschichte eigentlich schon auswendig. Mutti verändert ab und an, beim Vorlesen, absichtlich Formulierungen mit der prompten Konsequenz seines empörten Hinweises auf diesen Fehler.

Armin weiß nicht genau, weshalb Bücher ihn auch als Gegenstand faszinieren. Jedenfalls behandelt er diese Papierpakete meist recht vorsichtig. Einige wenige Male passieren doch Kinder- oder Schmierstreiche, welche ihn im Nachhinein frustrieren. Die Illusion ein Bild im Buch durch bunte Zeichenstiftstriche noch schöner zu machen, scheitert jedesmal kläglich.

Bis heute bewegt ihn jedoch eine schwerwiegende Nachlässigkeit. Papa besitzt einen großen Bildband über den zweiten Weltkrieg. Armin blättert besonders gerne in diesem Buch. Nach der Schule ist er fast immer alleine zu Hause. Meist entscheidet er sich schnell für den Vitrinenschrank seiner Eltern und sucht sich ein Buch aus. Wenn er etwas später die Geräusche am Türschloss hört, klappt er die Bücher fast immer schnell zu, und stellt sie wieder in den Schrank.

Als er Tage später Papas Weltkrieg wieder aufschlägt, entsetzt ihn der Anblick der wertvollen Fotoseiten. Ein großer dunkler Fleck zieht sich über viele Seiten hin und verschandelt das ganze Buch. Der vielleicht elfjährige Armin entdeckt den vergessenen Fettkeks irgendwo zwischen den Seiten des Buches. Diese flach gebackenenen Fettkekse lagen zuhause über eine geraume Zeit in der Küche herum. Armin verspeiste regelmäßig einige von ihnen nach der Schule. Er hat sich auch angewöhnt, seine Bücherlust vor Mutti und auch Papa zu verbergen. Weshalb, weiß er eigentlich gar nicht. Jedenfalls verschweigt er seinen Eltern auch diese Nachlässigkeit. Sie bleibt bis heute ohne Folgen.

Bücherlust als Neigung scheint auch etwas übertrieben. Oft steht Armin am Fenster, im dritten Stock ihres Wohnhauses, und schaut auf den schönen Fussballplatz mitten zwischen den Wohnhäusern. Fast immer spielen dort die anderen Jungs und haben gemeinsam Spaß. Armin darf nur selten mitspielen. Irgendwie wollen sie ihn nicht. Armin weiß schon länger, dass er Fehler macht. Mal steigt er zu hart ein, und ein anderes mal pennt er wieder. Das sind ihm die Bücher schon lieber. Und Mutti sorgt hingabevoll für Nachschub.

Heute noch nach über dreißig Jahren denkt Armin gerne an die versonnenen Stunden mit „Urania Universum“ oder „rund um die Mathematik“. Zeitig wußte er schon über Sokrates, Konfuzius & Co. Bescheid. Oft betont er den Aristoteles absichtlich falsch. Denn eigentlich müßte der sich mit doppeltem „l“ schreiben. Gern erträgt er das freundliche Gelächter seiner Gesprächspartner über so manch eigenwillige Betonung von Spezialbegriffen, Namen oder Fremdwörtern. Er hat das meiste nun mal ganz alleine gelernt und für sich selbst verstanden. Aber auch die Bücherzeit versiegt irgendwann. Familie und Arbeit werden nur zwei der machtvollen Ablenker. Noch einmal werden gedruckte Medien zu einem wichtigen Helfer. Als der mittlerweile über dreißigjährige Armin seine berufliche Entwicklung neu ausrichtet, sitzt er früh und abends vor Büchern wie „Macrosoft Office“, „CoralDRAW“ oder auch Zeitschriften über Computer und allem was dazu gehört.

Deutlich später ist es beinahe endgültig vorbei mit dem Blättern von Seiten. PDF-Dokumente werden am Computerbildschirm angezeigt und lassen sich über Suchbefehle sekundenschnell durchfliegen. Das Internet erwacht mit Guugel oder Wakipedia zu perfektionistischer Effizienz. Armin ist zunächst froh über diese Entwicklung. Völlig unklare Probleme lösen sich oft innerhalb von Minuten mit beeindruckender Konsequenz.

Armin ist mittlerweile über vierzig Jahre alt. Bei den zunehmenden Problemen innerhalb seiner Familie kann ihm jedoch auch dieser Suchdienst Guugel nicht helfen. Armin irritiert sich über die frustrierte Abneigung seiner Frau. Auch seine von ihm sehr verehrte Tochter verhält sich deutlich distanziert. Armin strebt mit seinem fünfundvierzigstem Lebensjahr eine wichtige Veränderung in seinem Leben an. Er möchte freundlicher und einfach kompatibler werden. Es funktioniert erstaunlich schnell. Die Kunden seines kleinen Servicebetriebes reagieren umgehend. Armin merkt sogar, wie ihn entspannte Freundlichkeit anderer Menschen positiv motiviert. Etwas später passieren völlig unerfahrene Erlebnisse, welche Armin seinem aktuell besten Freund Christian irgendwann als Gebärmutter beschreibt.

In seiner Familie tendiert jedoch alles zur Eskalation. Seine nach wie vor beeindruckend schöne Frau Cirstin und auch ihre noch überzeugender gelungene Tochter Lara scheinen sich stets einig, wenn es gegen Armin geht. Gottseidank erwacht Armins Sohn Siegfried ganz langsam zu seinem eigentlichen Leben und mindert Armins Enttäuschung. Noch einmal scheint auch Guugel zu helfen. Armin erfährt etwas über Pheromone und probiert diesen Kram sogar aus. Cirstin reagiert überraschend wie eine hungrige Leopardin. Doch Armins Fürsorgeniveau scheint nach wie vor so blockiert, dass auch diese Episode nutzlos verstreicht.

Zum bisher letzten Mal wird ein gedrucktes Buch wichtige Inspiration liefern. Der religios motivierte Thriller „Suckbeleg“ handelt vom heiligen Gral und präsentiert Armin ganz nebenbei eine verständliche Erläuterung des goldenen Schnittes. Allerdings betont der Autor geradezu penentrant eine göttliche Rolle der Frau. Dies kann der aktuell zum Frauenhass tendierende Armin nur schwer akzeptieren. Natürlich fasziniert ihn die konstruktive Rolle der Hauptfrau in diesem Buch. Im realen Leben fehlen ihm diese Erfahrungen allerdings. Trotzdem liest er dieses Buch mit Begeisterung zu Ende. Cirstin wird diesen Versuch später auch unternehmen. Armin spürt auch daran ihre nach wie vor vorhandene Akzeptanz für ihn.

Ein weiterer Versuch, dieses Leseerlebnis zu wiederholen, scheitert konsequent. Ein deutscher Autor hat einen Konsequenzbericht namens „Schwamm“ oder auch „Schwurm“ realisiert. Das Buch beginnt richtig gut und trifft Armins Nerv durchaus. Überhaupt mag er die Beschreibung einfacher, unkomplizierter Charaktäre. Irgendwie hat er aber keine Lust mehr, jedesmal aufs Neue zu erfahren, wie das Rad erfunden wurde. Der Schwamm wird keine 50 Seiten alt.

Zum fünfundvierzigsten Geburtstag seiner Frau steht irgendwie und fast zum ersten Mal eine Glückwunschkarte zur Debatte. Die angespannte familiäre Situation hindert Armin nicht daran, seine Cirstin immer noch zu verehren und lieb zu haben. Er hat keine Lust auf „Alles Gute…“ und ähnliche Schablonen. Schließlich fällt ihm sein Reimen vor über dreißig Jahren ein. Er schreibt seiner Cirstin ein kleines Gedicht. Die Wirkung zum Geburtstagsfest ist fatal. Cirstin liest in Armins Gegenwart und eine wunderschöne, jahrelang unerfahrene Freude blitzt über ihr zartes Gesicht. Armin ist jeglichen Gleichgewichts enthoben und zieht sich Minuten später zurück um leise zu weinen.

Ohne Dich wäre ich niemals so weit gekommen.
Du hast mir die Gram und den Zweifel genommen.

Dein aristokratischer Charme inspiriert.
Der Stil Deiner Schönheit ins Leben pulsiert.

Natürlich ist nie alles glatt gegangen.
Doch falsch wird es erst, wenn wir zu sehr bangen.

Wenn ich mal allein in die Zukunft sehe,
bleibst Du stets die Eine zu der ich gehe.

Dieser kleine Reim für seine Frau wird zu einer Initialzündung. Armin versucht zunehmend seine Emotionen über kurze Zweizeiler oder auch längere Gedichte zu kanalisieren.

german 03/06

 

 

 

 

 

aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite