

Ein ausklingender Sonnabend 1978. Wiedermal ist das Haus der Bauarbeiter angesagt. Kurz als "HdB" bezeichnet, finden hier wöchentlich Diskotheken statt. Armin ist mit seinem Freund Ansgar verabredet. Die beiden Siebzehnjährigen sind schon etwa eine Stunde im Saal unterwegs. Der Hochsommer erlaubt leichte Bekleidung, was Armin nicht daran hindert, mit Stolz seine Jeansjacke auszuführen. Jeansbekleidung ist in dieser DDR nach wie vor ein wertvoller Prestigefaktor. Sicher wird es trotzdem wieder ein erfolgloser Abend werden. Generell möchte Armin ja endlich mal ein Mädchen kennenlernen.
Doch Überraschung ist allgegenwärtig. Zwei angetrunken wirkende Ältere marschieren Arm in Arm auf Armin und Ansgar zu. Den einen kennt Armin sogar. Es ist der ältere Bruder eines Lehrlings-Kameraden von Armin. Dieser Klassenkamerad wiederum ist einer der vielleicht ehrgeizigsten Athleten in Cottbus überhaupt. Der folgende Ablauf ist eine Sache von Sekunden. Der große Bruder rammelt beim Vorbeilaufen Armin so an, dass dieser einen sitzenden Disko-Besucher gegen den Tisch drängt.
Während der Tischsitzer zurückhaltend und freundlich reagiert, will sich Armin scheinbar wiedermal vor Ansgar aufspielen. Er ruft hinterher "Könnt Ihr nicht aufpassen!?". Das war zuviel. Armin hat sich bereits wieder umgedreht und wird beim Gehen von hinten böse geschubst. Der größere Bruder war es. Doch für ihn bleibt keine Zeit. Dessen Partner sackt Armin mit beiden Fäusten an seiner heißgeliebten Jeansjacke, und hebt ihn beinahe vom Erdboden weg. Armin ahnt erst viel später, dass dieser Rempler kein Zufall war. Aktuell geht aber alles viel zu schnell.
Schnell hat Armin seinen Fußboden wieder. Nun beginnt ein wildes Kreisgezerre. Innerhalb weniger Sekunden entsteht eine neue Tanzfläche im Saal. Stühle fliegen, Tische kippen und rutschen durch die Gegend. Aber mit Tanzen ist nichts. Teilweise zerbrochene Gläser und ausgelaufene Getränke bedecken den Boden. Viel später wundert sich Armin, wie schnell die ganzen Tischnutzer verschwunden waren. Irgendwann landen beide fast auf dem Bauch. Jedoch eben im (Liege)Stütz. Zum ersten mal bewundert Armin seinen neuen Gegner.
Beide springen wieder auf. Für ein paar Sekunden ist Ruhe. Armin hat bei dem Kreiselchaos sowohl Schlüsselbund als auch sein schickes Federclip-Portmoney eingebüßt. Das Bund liegt noch da, das Portmoney ist weg, mitsamt zwanzig teuren Ostmark.
"Löwe", so nennen ihn seine Freunde und Anhänger, wirkt sachlich. Gehen wir raus? fragt er. "Mein Portmoney ist weg" antwortet Armin. Scheiße! meint "Löwe", befragt seine Runde und sucht selber. Der Mißerfolg scheint logisch und Armins Hoffnung naiv.
"Löwe" kommt wieder daher, schüttelt kurz seine füllige blondgelockte Mähne und fragt erneut, wo es nach draussen geht. Armin fällt nichts besseres ein und gibt sein ok. Gottseidank ist Ansgar da und nimmt seine Jeansjacke in Obhut. Auch der Vorhof dieses "HdB" ist hell beleuchtet. Säulen stützen das Portal. Polierter Granit glänzt vertikal wie horizontal. "Löwe" entledigt sich seiner Oberbekleidung und entsetzt Armin wieder mal aufs äußerste. Solche Oberarmmuskulatur hat Armin noch nie in Natura gesehen. Außerdem wirkt sie relativ naturbelassen. Armin weiß aus Erfahrung, dass dies die Schlimmsten sind. Ok, Brustmuskeln ein wenig zu hoch. Jedenfalls ist das Unheil auf dem Weg.
Das übliche Stupid-Szenario beginnt. "Schlage zu!". Weshalb ich? fragt Armin. Du wolltest doch! Aber dieser "Löwe" will scheinbar auch nicht...
Nach zwei, drei Disput-Fakes steht "Löwe" richtig günstig. Armin greift überraschend an und zieht einen satten Harai-Goshi durch. Die hohe Amplitude des Wurfes wird ihm Wochen später einer seiner "Zuschauer-Freunde" schildern. "Löwe" polstert den gemeinsamen Sturz leistungsfähig ab. Dessen Überlegungsphase nutzt Armin für eine ordentliche Kesa-Gatame.
Normalerweise ist jetzt Feierabend. Armin wiegt locker 83 Kilogramm und ist trotz seines Armbruches vor über einem Jahr schon wieder gut im Lot. Die unfassbare Gegenwehr dieses Kraftpaketes "Löwe" jedoch, hat Armin noch lange beschäftigt. Natürlich gelingt es ihm immer wieder, dessen Kampfkraft mit diversen Tricks zurück zu zwingen. Und wenn es der zehnte Trick war. "Löwe" hat immer noch Power. Einzig dessen fehlende Erfahrung mit Judo-Techniken ermöglichen Armins Sieg bei dieser Festhalte.
Während dieser Festhalte treten plötzlich Anhänger von "Löwe" Armin mit voller Wucht in das Gesäß. "Wir wollen einen Faustkampf usw...."
Armin hat diese Scheiße schon einmal erlebt und läßt sich diesmal nicht irritieren. Sie werden sogar zurückgeholt. Irgendwann ist Armins linker Zugarm regelrecht gefühllos und Herr "Löwe" wirkt auch etwas müde. Armin fragt blöffend, "Soll ich dich rauslassen?". "Löwe" stimmt zu. Beide lösen sich und stehen gemeinsam auf.
Armin hat überhaupt keine Abneigung gegen diesen kraftvollen Gegner. Sicher war er etwas angetrunken. Aber hat nichts Böses in seinen Augen. Eigentlich nur für die Schwächlinge in der mittlerweile ausbordenden Zuschauerrunde setzt er dem irritierten "Löwe" einen Faustschlag mit der Linken. "Wir wollten doch boxen oder?!" (so wörtlich). Gottseidank ist da nichts mehr. "Löwes" Gesicht wird nicht verletzt. Während sich die Ventile für schlechte Luft langsam öffnen, tönt das Martinshorn der Poliziei in den späten Abend.
Zwei Polizeiwagen fahren auf. Viele Zuschauer verpissen sich fluchtartig. Aus der Gruppe der grünen Uniformen sondiert sich ein Riesengroßer. Armin fasst es kaum. Bodo Cloim! Cloim kann es sich immer noch leisten, auf dieses Mini-Team der Möchtegernhelden herunterzuschauen. Er bugsiert die beiden Chaoten sogar zurück in das Gebäude und beginnt zu offerieren. "Als ich jung war, hab ich sowas auch gemacht". "trinkt irgendwo zusammen noch einen". Plötzlich unterbricht dieser "Löwe" dessen Monolog mit Erklärungsversuchen. Armin reagiert sofort. "Jetzt halte endlich mal deinen Mund".
Cloim redet kurz und bündig weiter. "Diese Veranstaltung ist beendet für Euch". Armin haut diesem "Löwe" sanft auf die Schulter und dieser reagiert sogar aufgeschlossen. Cloim verzichtet auf eine Inhaftierung und Armin macht sich schleunigst auf den Heimweg. Abgesehen von seinen aufgeschürften Ellenbogen ist ihm diesmal nichts passiert. Allerdings wird es Tage dauern, bis sein linker Bizeps sich nicht mehr taub anfühlt.
...geht noch weiter...
aufschreiben kann ziemlich anstrengend werden...
aktualisiert am 02.02.2012 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite