


Es wird die dritte Bezirksmeisterschaft für den dreizehnjährigen Armin als Judoka. Die zweite hatte er wieder einmal erst Monate später wahrgenommen, als er seine Kampfergebnisse im Startbuch studierte. Diesmal hat er zumindest den Zweck des Turnieres registriert. Halb verschlafen hat er jedoch beim Einpacken den falschen Gürtel mitgenommen. So startet der eigentliche Orange-Gurt mit dem gelben Anfänger-Gürtel. Orange ist auch eine Enttäuschung für fast vier Jahre Training. Viele seiner Trainingskameraden haben schon blau oder zumindest grün. Armin findet dieses Understatement schon wieder fast lustig. Nicht mal der mitgereiste Trainer Kannopke bemerkt den Fake.
Armin wiegt mittlerweile 56 Kilogramm und rutscht daher in die sechziger Gewichtsklasse. Gleich der erste Kampf beschehrt ihm einen harten Gegner, welcher sogar den Namen „Stark“ trägt.
Der Grüngurt schaut geradezu herablassend auf seinen gelben Gegner. Die harte Gegenwehr bringt ihn jedoch schnell aus dem Konzept. Armin merkt irgendwie, dass vier Kilo Gwichtsunterschied nicht unwichtig sind. Schließlich greift seine neue Spezialtechnik. Ein abgewandelter Ippon-Seonage mit Extremzug nach unten. Armin dreht dabei links ein und fährt auf Knieen das linke extrem weit aus. Die meisten versuchen nämlich genau auf dieser linken Seite zu umlaufen und scheitern so am Oberschenkel Armins. Herr Stark landet auf seinem Hintern und kassiert einen Koka.
Armins Defensive verpasst beiden noch eine Verwarnung wegen Passivität.
Dieser Kampf ist vorüber. Die nächsten drei Kämpfe forden nicht so sehr und das Finale wartet.
Armin erfährt, das ein gewisser Sonapius sein Gegner sein wird. Er hat diesen Gegner schon vor längerer Zeit einmal besiegt und als sportlich frisiertes Weichei in Erinnerung. Erinnerung ist aber nicht immer ein guter Ratgeber.
Als Sie beide aufgerufen werden. Ist Armin endlich wiedermal richtig schockiert. Gegenüber steht ein akne-narbiger Bolide mit halblangen, fettig wirkenden, dunklen Haaren. Sturre, selbstbewußte Augen auf ausladenden Schultern lassen Schlimmes ahnen. Sauber austrainierte 60 Kilogramm, denkt Armin. Ein konzentriert wirkender Trainer steht neben ihm und gibt Tipps. Diesen Kannopke hat Armin den ganzen Tag noch nicht gesehen. Armin denkt viel später an pupertäre Entwicklungsschübe, erinnert sich zugleich an offensichtliche Vorteile bei seiner ersten Meisterschaft.
Der Kampf beginnt und Armin gerät sofort in arge Bedrängnis. Schnell erfolgt eine Ermahnung wegen Passivität an Armin. Dann passiert es plötzlich. Armin versucht sich einzudrehen. Diesen viel zu kraftlosen Wurfversuch kontert Sonapius mit voller Wucht nach hinten. Der Ippon fliegt bereits durch die Luft. Armin schafft es gerade noch mit einem Beinhenkler obenauf zu kommen. Beide Kämpfer krachen nun fast gleichzeitig auf die Matte. Der Mattenrichter zögert und gibt dann Armin einen Koka. Später will Armin dies als Referenz an seine körperliche Unterlegenheit und seinen niedrigen Gurt verstehen wissen.
Dies scheint jedoch der Anfang vom Ende. Sonapius greift noch entschlossener und wütend an. Plötzlich erscheint Bodo Cloim auf der Bühne. Seine Donnerstimme läßt scheinbar die Halle wackeln. Nach kurzer Zeit kann es nur noch Einen geben. „Howainskiiiiiiiiiiiiiiiii“, „hoooch jetzt“, „guuut sooo“, „Schulter reiiin“. „Arsch hooooch“. Selbst der Trainer seines Gegners ist nicht mehr zu hören. Sonapius scheint dies wenig zu interessieren. Aber Armin hat jetzt einen Freund und er offensichtlich nicht mehr. Fast intuitiv weiß Armin jedesmal mal genau, wo dieser eigentlich überlegene Gegner beim nächsten mal zufasst. Der Kampf ist vorüber und Armin spürt pure Austrocknung. Armin wird an den Landesmeisterschaften teilnehmen. Noch viele Jahre später resümiert Armin dieses Erlebnis ab und an aufs neue. Bodo Cloim war in diesen Minuten ein perfekter Papa. Armin genießt diese schöne Illusion gern und wendet sich dann jedoch immer wieder schnell und ordnungsgemäß dem allgegenwärtigen Kompromiss der Nachlässigkeit zu.
Doch die Schönheit dieser kurzen Zeit ist noch nicht vorbei. Nur drei Kämpfer seines Vereins durften an dieser Meisterschaft teilnehmen. Stefan Ruhmann gehört dazu. Irgendwann landen die drei in einer Gaststätte des Wettkampfortes und dürfen sogar selbst bestellen. Stefan redet unerwartet freundlich mit Armin. Er spricht von einem irren Kampf und dass alle zugeschaut hätten. Ausgerechnet Stefan ist endlich mal lieb zu ihm. Armin ahnt nicht zum ersten Mal, das eigentlich sein eigenes Verhalten für all diese Probleme verantwortlich ist. Probleme, welche sich erst Jahrzehnte später mit einem erneuten Stimmbruch eindeutig lösen werden.
Noch einmal wird Bodo Cloim eine eine wichtige Rolle in Armins Leben spielen. Der Kampf mit dem Federschmied ist schon zu Ende als die beiden Tonis auffahren. Bodo macht wie üblich einen souveränen Job.
german 07/07
aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite