phlegmaticus

Kapitäne (Teil 1)

Apokalypse

Der Kampf von Gut und Böse endet zumindest in unseren medialen Geschichten immer mit dem beruhigenden Sieg des Guten. Aber die Realität ist nun mal nicht mit Märchen oder auch Kinofilmen zu bewältigen. Letztendlich war es nicht einmal die zutiefst verletzte „Mutter Natur“ und auch kein riesiger Komet aus dem All. Selbst der Allmächtige hat sicher nur traurig den Kopf gesenkt. Nein, die mittlerweile fast zwölf Milliarden Menschen haben ganz „allein“ unter Beweis gestellt, wie man sich selbst vernichten kann.

Vielleicht könnte man die vollzogene Katastrophe mit einer unfassbar großen Magma-Blase unterhalb eines ewigen Vulkans vergleichen. Mehr als 7000 Jahre wurde Sie ernährt und stärker gemacht, bis Sie eines Tages einfach platzen musste. Ihre Nahrung bestand neben verschiedenen Zutaten wie Macht, Geld oder Bequemlichkeit vor allem aus der Lüge. Irgendwann war das Böse endlich so mächtig geworden, dass auch das verbliebene Gute keine reale Chance mehr hatte. Selbst die endlos vielen Kriege seit dem jüngsten Gericht hatten das Böse nicht entscheidend schwächen können.

Immerhin hatte ein bekannter deutscher Rocksänger die Menschheit mal als „Hautkrankheit des Erdballs“ bezeichnet. Aber Gesundheit bleibt ja bekanntlich ein erwünschter Zustand. Kurz vor dem Ende dieser Krankheit sorgten die Menschen nämlich „höchst persönlich“ für diesen „ eigentlich erwünschten Zustand“. Daher nun zum Atomkrieg. Wenn einer anfängt müssen alle mitmachen. Oder doch nicht? Jene atomare Vernichtungsgewalt war letztendlich nur der Punkt auf dem so genannten „I“. Die Apokalypse hatte sich diesmal global für das Böse entschieden. Oder doch nicht?

Das Böse wird immer anwesend sein
Wo keiner es ahnt, da kommt es herein

Schicksal

Mit dem Ende der weltweiten Vernichtungskämpfe war es leider immer noch nicht vorbei. Denn nun schenkte auch „Mutter Natur“ einen kleinen Einblick in ihre Möglichkeiten. Metertiefer Schnee im Sommer, quälende Hitze im Winter, Sturmfluten von zig Metern Höhe sollten auch die letzten verbliebenen Inseln samt ihrer anspruchslosen Naturvölker liquidieren. Auch die milliardenschweren Bunkerfreaks hatten sich verrechnet. Vorräte sind endlich und zwischenmenschliche Konflikte sorgten für etliche „interne Bunker-Massaker“.

Selbst dieses Samenlager auf Spitzbergen durfte es nicht schaffen. Ein für diese Region völlig unerklärliches Erdbeben sollte die Höhlenwände aufreissen. Beton erwies sich als noch weniger „elastisch“. Das Polarmeer hatte leichtes Spiel. Ein bekannter und recht erfolgreicher deutscher Politiker hatte mal was vom „Umhang des Schicksals“ sowie „sich festhalten und treiben lassen“ berichtet. So würde es auch diesmal geschehen.

Wer den Fluss der Dinge weiß
den macht auch der Tod nicht heiß

Archen

„Wer gut schwimmt, der gewinnt“. Dieser vielseitig interpretierbare Spruch hatte scheinbar seine Bedeutung verloren. Riesige Tanker waren an Monsterwellen regelrecht zerbrochen, Kriegschiffe gekentert und überladene Fähren mit abertausenden verzweifelten Flüchtlingen einfach untergegangen. Als größtes Problem erwies sich jedoch das Versagen aller bekannten Navigationssysteme. Radar, Echolot und auch Sat spielten einfach nur noch verrückt. Selbst der Sextant hatte keine Chance mehr, da der Himmel Tag und Nacht von schmutziggelben Wolken bedeckt wurde. So wurden auch modernste U-Boote Opfer des unnachgiebigen Meeresgrundes.

Praktisch blind, bohrten sich die meisten wie winzige Zigarillos in sanfte Hänge von Meeresgebirgen oder trieben, von der Mannschaft längst verlassen, herrenlos über das gnadenlos ausufernde Weltmeer. Die sprunghafte Erwärmung hatte schon vor dem Ausbruch der weltweiten Kämpfe für Völkerwanderungen von beispiellosem Ausmaß gesorgt. Nicht nur Trockenheit und Wassermangel, auch Landverlust durch den massiv gestiegenen Meeresspiegel hatte dieses Chaos hervorgerufen. Nun wanderte (floh) jedoch keiner mehr. Das „Zwanzig Prozent Ziel“ einer geheimen, elitären, weltweiten Interessengemeinschaft war damit ebenfalls gescheitert.

Nur noch zwei überaus gut ausgestattete mittelgroße Hochseefighter (Schiffe) kreuzen oder treiben viel mehr durch die menschenbefreite Aura unseres Planeten, den wir Erde nannten. So ein Schiff hat immer einen Kapitän. So haben wir es hier , dank dieser "Zwei" schon wieder fast mit der natürlichen Redundanz unserer Evolution zu tun. Auch erleben sich diese beiden „Überlebensköpfe“ so unterschiedlich, dass es einer individuellen Beschreibung bedarf.

Wenn einer so gleich wie die andere wäre
erlebte sich nur noch gähnende Leere

Anouk

Geborener Inuit von Alaska, ist sechsundreißig Jahre alt. Sein Weg auf dieses Schiff scheint mit unvorstellbaren Zufällen gepflastert. Als achtjähriger Junge verlor er seinen Vater an einen Eisbären. Eigentlich auf der Robbenjagd, weitab vom rettenden Zuhause trieb er, völlig entkräftet, auf dem väterlichen Kajak einem Walfänger vor den Bug. Zu dessen Steuermann entwickelte sich schnell eine väterliche Ersatzbeziehung. Anouk erlebte seine frühe Jugend weitgehend auf diesem Walfänger. Als später die gesamte Mannschaft auf hoher See Opfer einer heimtückischen Infektion wurde, steuerte der dreizehnjährige Inuit das Schiff ganz alleine in den rettenden Hafen zurück. Die Anerkennung von ganz Kanada wurde ihm damals zuteil. Schon 2012 wurde der damals dreißigjährige Anouk dann von einem privat organisiertem Konsortium angesprochen. Man wollte ausgerechnet Ihn als Kapitän für ein sehr spezielles noch zu konzipierendes Schiff. Die "Emergency" sollte für den absehbaren Katastrophenfall gebaut werden. Anouk wurde nach seinem Einverständnis in alle Planungen, Konstruktionsdetails und Überlegungen einbezogen. Irgendwie wurde die Emergency so zu einem Teil von ihm selbst. Mit ihm sind nun fünfundzwanzig Menschen an Bord. Seit über einem halben Jahr sind Sie schon im Nordatlantik unterwegs. Haushohe Wellen oder giftige Niederschläge sind die geringeren Probleme. Der Faktor Zeit kristallisiert sich zunehmend als Hauptgefahr heraus.

Geschenk und Gefahr bleibt lebenslang Zeit
wenn wir sie nicht nehmen, macht sie uns breit

Baouhma

Geborene Vanuatu von Papua-Neuguinea wurde schon als vierjährige von Banditen aus ihrem Heimatdorf geraubt und damit auch ihren Eltern entrissen. Regierungstruppen befreiten die Gefangenen wenig später und Baouhama wurde von einer australischen Familie adoptiert. Schnell bemerkten ihre neuen Eltern Baouhamas außergewöhnliche Lernbereitschaft und förderten selbige. Schon im Alter von sechszehn Jahren erhielt Sie ein Universitäts-Stipendium in Sydney. Diese frühe Trennung von den Adoptiveltern bewältigte Baouhama erneut überaus progressiv. Ohne ihren natürlichen Charme zu verlieren, entwickelte Sie sachlich betonte Entscheidungskompetenz und sogar Führungsqualitäten welche durchaus gestandenen Männern fairen Respekt einflößte. Spätestens damit begannen sich Ihre unwillkürlichen Kindheitstraumata langsam zu relativieren. Es fiel Ihr immer leichter, Männer zu mögen und der natürlichen Affinität zwischen beiden Geschlechtern eine Chance zu geben. Mitten in dieser bewegten Zeit teilte Ihr eine Kommilitonin fast neidisch mit, dass Sie ja auch keine flache Nase hätte. Nur deswegen würden alle Männer auf sie schauen. Baouhama blieb nur kurz irritiert. Das Schiffbau-Studium forderte und machte trotzdem viel Spaß. Kurz nach Ihrem Diplom erhielt Sie ein kurzes Schreiben samt Einladung. Ein Regierungsprogramm hatte auch Sie für ein noch geheimes Projekt ausgewählt. Nach Ihrer Einwilligung und endlosen Tests wurde tatsächlich Baouhama aus fast zwanzig Kandidat(inn)en) favorisiert. Sie würde nun der Kommandant der "Rebirth" werden. Als Katamaran konzipiert und gebaut, hat die Rebirth nun genau zwanzig Menschen an Bord. Keiner älter als fünfundreißig und genau zur Hälfte Männer und Frauen. Fünf Monate schon irrt dieses Wunderwerk der Schiffsbautechnik nördlich der (ehemaligen) Antarktis durch den Ozean. Die Nahrungsvorräte nehmen ständig ab. Gereizte Stimmung ist keine Seltenheit mehr. Doch Baouhama denkt weiterhin lösungsorientiert.

Die Technik hat uns IHRE Treue geschworen
so kalt wie ein Panzer, in dem wir verloren

Teil 2

German 04/09

 

 

 

aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite