
Voll zivilisiert, fällt irgendwie ein
neigt zwangsläufig zu etwas Borderline
Matzi ist ein Goldhamster. Der gerade fünfjährige Armin findet ihn auf seinem Geburtstagstisch. Überhaupt waren Goldhamster damals (1966) angesagt. In den Sandkästen vorm Haus bauen ältere Kinder ihren eigenen Hamstern riesige Sandburgen mit vertieften Gängen und sogar Brücken. Die putzigen, kleinen Tiere werden hineingesetzt und laufen nun eifrig durch das Grabenlabyrinth. Viel später denkt Armin, dass die Hamster sicher nur den Ausgang aus dieser beängstigenden Umgebung suchten. Matzi bleibt jedoch in Armins Kinderzimmer. Armin lernt nun Füttern und Käfig saubermachen. Alles klappt relativ schnell, auch weil Armin diesen Gestank der Hamsterpisse nicht mag. Eines Tages führt Armin seinem Papa stolz einen neuen Trick vor. Er erfasst Matzi an seinem kurzen fellbefreiten Stummelschwanz, zieht ihn hoch und lässt das wehrlose Tier auf den zwei Vorderbeinen über den Tisch im Kinderzimmer laufen. Detailliert in Armins fotografischem Gedächtnis gespeichert, reagiert Papa empört und herabsetzend. „Das ist Tierquälerei, Du solltest Dich schämen“ lautet sein eindeutig grimmiger Kommentar. Armin akzeptiert die fast feindselige Zurechtweisung von Papa ohne innere Regung. Matzi verschwindet umgehend aus Armins Kinderzimmer und taucht zumindest in seinem Gedächtnis auch nicht wieder auf. Interessant bleibt aus viel späterer Bewertung, dass Armin trotz derlei Konsequenzen auch im direkten Nach hinein keinerlei Frust empfand. Diese selbst empfundene offensichtliche Gleichgültigkeit kollidiert allerdings mit der sehr tief sitzenden Erinnerung an diesen ersten innerfamiliären „Ziertierkonflikt“.
Ich war nicht verärgert, tat selbst mir nicht leid
auch Liebe und Mitgefühl waren längst weit
Als nächstes Tier-Intermezzo stehen Wellensittiche an. Einmal fährt Papa sogar mit dem elfjährigen Armin von Cottbus nach Spremberg um satte 25,- (Ost)Mark für einen niedlich gelb gescheckten Jungwellensittich zu löhnen. Sicher wieder Muttis Engagement, weiß Armin schon damals intuitiv. Auch dieser erneute Versuch endet jedoch mit der Flucht des kleinen Krachmachers. Diesmal hatte es allerdings Papa verbockt. Der „teure“ Gelbe entwischte, als Papa Ihn spaßeshalber aus dem Käfig holen wollte. Dies geschah dummerweise auf dem sommerlichen Balkon der elterlichen Wohnung. Armin sah noch, wie der Gelbe wild zwitschernd, fast einhundert Meter entfernt, von etlichen Spatzen und auf Nimmerwiedersehen angegriffen wurde. Der erste Wellensittich ging auf Armins Konto. Er hatte versehentlich beide Fenster gleichzeitig geöffnet. Das vom Käfig und das vom Zimmer. Erst über dreißig Jahre später darf Armin erleben, wie ein emotional intakter Familienliebling (Sammy) nach einem versehentlichen Ausflug, direkt durchs Wohnzimmerfenster, hektisch herumfliegend und lautstark „seinen“ Berliner Sonnenhof inspiziert. Armin hält vergleichsweise ruhig seine Hand aus dem Fenster und ruft immer wieder mal „Sammy, komm her“. Tatsächlich landet der kleine hellblaue Krawallkünstler nach eher kurzer Zeit wie ein Stuka auf Armins Zeigefinger. Wieder daheim! Die „wellensittliche“ Zeit wird (wie schon angedeutet) noch mehrfach zurückkommen. Zunächst soll jedoch „Jakob“ als Beispiel für wenige vergleichbare Erlebnisse stehen, welche Armins Emotional-Resonanz vielleicht doch noch am Leben erhalten konnten.
Ein ahnungslos lebender langer Weg
Erst Liebe der Kinder baute den Steg
Wieder mal überrascht Papa mit seiner Spontaneität. Gerade vom Dienst nach Hause gekommen, öffnet er, noch im Uniformmantel, seine Aktentasche und ein völlig echauffierter, schwarzer Vogel hopst umgehend heraus sowie auf dem Fußboden herum. Eine noch sehr junge Dohle, finden Mutti und Armin bald heraus. Jakob wird Ihr/sein Name. Ob Männchen oder Weibchen, erfährt sich bis zum leidigen Abschied nicht. Jakob wird schnell und ziemlich überraschend zum bisher besten Freund des etwa zwölfjährigen Armin. Als Armin beim Fußballspielen seinem Torjubel freien Lauf lässt, stürzt Jakob vom Dach des viergeschossigen Wohnhauses mit lautem Krächzen direkt auf die Schulter des Schützen und wühlt umgehend mit seinem kräftigen Schnabel sanft im Haar eines versteckt gerührten Jungen. Glück bleibt auch, dass Armin auf seinem Schul(heim)weg schon bei etwa dreihundert Meter Luftlinie freien Blick auf bereits erwähntes Wohnhausdach hat. Schnell erkennt er nun fast täglich den ungeduldig flatternden dunklen Punkt oberhalb der Dachrinnen. Ein einziges deutliches „Hey Jakob“ sorgt für eine schon üblich lautstarke, doch immer wieder pfeilschnelle, sanfte Segelflug-Landung auf Armins rechter Schulter. Letztendlich bleiben diese wunderschönen Kindheitserlebnisse jedoch auch Armins Mutti zu verdanken. Selbst als Jakob einer dieser Nachbars-Zicken die frisch aufgehängte Wäsche vollkackte, blieb Mutti standhaft. Auch die hier (demnächst) eingebundenen Fotos sind letztendlich Ihrer so gut gemeinten Konsequenz zu verdanken. Wie trotzdem etwas bei Armin nicht passte, zeigte sich nicht nur am fehlenden Trennungsschmerz. Denn Jakob wurde nach mittlerweile acht Wochen vernünftigerweise weg gegeben. Dem Titelthema erforderlich, wird es nun mit „Lustschmerz“ etwas konkreter werden.
Auch wenn ach so Vieles kaputt schon war
Gedenken an Jakob bleibt wunderbar
Direkt am Trinknapf steckt Armin immer wieder immer seinen Zeigefinger durch das Käfiggitter. Der Käfig beherbergt nun sogar zwei Wellensittiche. Aber nur der Weiße, „Hänsel“ genannt, flattert sofort herbei um Armins Finger umgehend mit seinem kräftigen Schnäbelchen zu attackieren. Armins Zeigefinger ist schon nach wenigen Versuchen teilweise seiner Haut entblößt, blutet und entzündet sich später offensichtlich sogar. Das hellblaue Weibchen (Gretel) sitzt derweil unbeteiligt auf der entfernten, höheren Holzstange. Immer wieder steckt Armin nun seinen Finger hinein. Über Wochen hinweg. Bald wechselt er zum Mittelfinger, um zwischenzeitliche „Erholung“ zu ermöglichen. Irgendetwas reizt und befriedigt ihn an dieser eigentlich irrwitzigen Prozedur. Armins Eltern bemerken diese „winzigen Wunden“ wie üblich erst gar nicht. Eine freundschaftlich Bekannte formuliert ihm Jahrzehnte später, nach entsprechender Schilderung: „Damit man überhaupt etwas spürt“. Ähnliches hatte ihm seine Cirstin schon einmal zu vergleichbarer Gesprächssituation formuliert. Chronologisch weiß Armin heute nicht mehr, was zuerst passierte. Jedenfalls ging er damals mit seinem Wellensittichpaar öfter mal eher robust um. Eines Tages nervt Ihn der Krach der beiden Radaubrüder zu sehr. Er fängt beide mit jeweils einer Hand im Käfig. Nun führt er die aus seinen Händen herausragenden Köpfe, der zwei kleinen, wehrlosen Tiere gegeneinander. Eine Berührung vermeidet er. Aber die Schnäbel öffnen sich, scheinbar zur Abwehr bereit. Als er seine beiden Opfer wieder in Ihren Käfig entlässt, stürzt sich Hänsel umgehend mit steil gesträubter Kopfhaube auf Gretel und nagelt seine passiv verbleibende Käfiggefährtin (in Rückenlage) sekundenlang am sandigen Käfigboden fest. Danach ist sogar Ruhe. Armin ist trotzdem überaus entsetzt und schämt sich seiner Verursacherrolle. Von Alpha-Aspekten, Revierkontrolle und Sozialdefekten weiß Armin mit etwa vierzehn Jahren noch nichts. Ob vor oder nach diesem „Lustschmerz“ weiß er heute auch nicht mehr. Jedenfalls bleiben diese Erlebnisse, ähnlich wie „Matzi“ u.v.a. fotografisch in Armins Gedächtnis erhalten. Alles was er als „unklar eindrucksvoll“ empfindet, merkt er sich unwillkürlich und auch stressigerweise lebenslang.
Autistisches Denken zwangsläufig erlernt
sich lebenslang nie wieder ganz entfernt
Armin hat Markus eher zufällig kennen gelernt. Markus ist ein eindrucksvoll gutmütiger Mensch mit einem noch eindrucksvolleren, dramatischen Lebensweg. In Markus’ Tattoo-Studio erfährt Armin dank einer entsprechenden Zeitschrift etwas über „Ritzen“. Ein junges attraktiv fotografiertes Mädchen berichtet über Ihren vergangenen Zwang zur Selbstverletzung und entsprechende „Heilung“ eben dank Tattoos. Zwar hat Armin es sich mit Markus wenig später, auch durch eigene Schuld, versaut. Aber all diese schon jahrelang zunehmende Erlebnisdynamik powert weiter (scheinbar) ohne Rücksicht auf schmerzhafte Verluste. Bald danach erfährt Armin über einen gleichermaßen unerwartet neuen wie liebenswürdigem Bekannten etwas mehr zum Thema „Borderline“. Beim entspannten Bier erfährt Armin berührende Fakten zu jüngeren Mitmenschen, Narben am Unterarm und Chancen zum Rückweg. Bei seiner Frau Cirstin fragt er spätabends umgehend nach und bestaunt Ihren überraschend kompetenten Fundus zu dieser Problematik. Sachlich und überzeugend informiert sie den staunenden Armin über „ewiges Verlorenbleiben“. Armin pflegt jedoch schnell wieder seinen durchaus leistungsfähigen „LangzeitGedächtnisRaster“. Selbstverletzung realisiert sich für ihn nur vordergründig über physisch erkennbare Folgen. Die allgemein zeitgestresste Wahrnehmung dieses „Phänomens“ verhält sich nach seiner Befindung genauso oberflächlich wie Rasierklingen, welche auf der eigenen Haut rumritzen.
coming soon…
german 03/10
aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite