



Irgendwann in den Neunzigern sieht Armin ihn zum letzten Mal. Sie grüßen sich kurz und das war es dann auch. Cloim ist grau geworden und sitzt mit seinem frustrierend dickem Bauch in einem dieser schicken Polizeiwagen der Nach-DDR-Zeit. Der Toni steht in der Fußgängerpassage, welche die Cottbuser kurz „Sprem“ nennen. Armin ist nur besuchsweise hier. Seine Wahlheimat ist schon länger das kosmopolitische Berlin. Er schaut aufmerksam in die Augen des Riesen. Stur sind sie immer noch. Aber etwas wichtiges fehlt. Bodo tut ihm irgendwie leid. Armin akzeptiert diese vertauschten Rollen noch heute nicht. Cloim war ein Halbgott für ihn gewesen. Er wird nie vergessen, wie Cloim ihn am Mattenrand unerbittlich zu seinem zweiten Judotitel gebrüllt hat. Aber soweit ist es wiedermal noch nicht.
Regelmäßig findet für den zehnjährigen Armin und seine komplette Schulklasse eine zusätzliche politische Bildung statt. Diese erfolgt manchmal vor oder, wie diesmal nach dem eigentlichen Schultag. Immer wieder aufs neue wird der Klassenfeind mit all seiner Boshaftigkeit beschrieben. Die Gehirnwäsche ist eigentlich noch nicht vorbei. Aber Mutti hat der Leererin eine Entschuldigung geschrieben. Es ist gegen 16.00 Uhr und Armin darf eher gehen. Dieser verregnete Herbstabend im April des einundsiebzigsten Jahres schenkt ihm ein einmaliges Erlebnis. Aus dem Fenster des Klassenraumes sieht er das Auto seines Papas stehen. Er soll ihn zu seinem ersten Wettkampf abholen. Armin ist stolz und hat nicht mal Zeit für die übliche Schweigsamkeit seines Vaters.
Papa fährt und Armin sitzt neben ihm. Dieser Skoda stinkt zwar entsetzlich nach Benzin, ist aber immer noch besser als so ein Krawall-Trabant. Armin hat sich daran gewöhnt, dass ihm schlecht wird, wenn er in diesem Skoda sitzt. Außerdem müssen sie bestimmt nicht solange fahren. Papa hat seine Uniform an. Er ist Major. Der erste Dienstgrad mit diesen cool geflochtenen Schulterstücken und einem einzigen effizient wirkenden Goldstern.
Schon wieder eine Schranke. Unifomierte Männer irritieren Armin unwillkürlich. Er will doch nur zum Wettkampf. Doch Papa scheint einen soliden Eindruck zu machen. Die Männer sind sofort ganz freundlich. Die Schranke geht fast von alleine hoch.
Das Ziel ist die Trainingsstätte des zweiten Judovereins in Armins Heimatstadt. Papa weiß scheinbar gut Bescheid. 10 Jahre später erfährt Armin, dass diese Schranken zur Cottbusser Haftanstalt gehörten. Schnell sind beide nun an einer einsam stehenden Steinbaracke angekommen. Armin ist unglaublich aufgeregt. Sein Papa ist da, der erste Wettkampf und ein fremde Umgebung sorgen für unerfahrene Nervosität. Doch Bodo Cloim bemerkt er schnell und findet ihn trotzdem und sofort interessant….
Bestimmt zwei Meter groß und mit dröhnender aber bestimmter Stimme dominiert dieser Herr Cloim den Trainingsraum wie ein Festungsturm. Sein schwarzer Gürtel widmet sich einem schon etwas dickeren Bauch und dieser konkuriert mit beeindruckend breiten Schultern unter dem mächtigen Kimono.
Alle sollen sich umziehen, hinsetzen, begrüßen und so weiter. Armin ist wieder mal mit alle diesen Eindrücken überfordert und zieht sich unwillkürlich in sich selbst zurück.
Plötzlich wird er aufgerufen. Offensichtlich war es nicht der erste Versuch, wie die fast schubsende Eile seines Trainers vermuten läßt. Sein erster Kampf steht bevor. Mit dem „Hashimi“ des Mattenrichters rennt Armin wie angestochen auf seinen Gegner zu und liegt Sekunden später auf dem Rücken. „Ippon“ ruft der Mattenrichter und beendet diesen Kampf. Armin beginnt zu weinen und beruhigt sich nach und nach. Auf einmal scheint aber diese dumpfe Leere verschwunden. Armin schaut den Kämpfen zu und versucht zu verstehen, weshalb einer von den Beiden da meist gewinnt.
Beim nächsten Aufruf steht er sofort auf und geht zur Matte. Sein zweiter Gegner liegt nach kurzer Zeit auf dem Rücken und verliert durch eine Festhalte. Armin hat tatsächlich seinen ersten Kampf gewonnen. Erinnerung danach fällt schwer. Seinen Papa hat er schon kurz nach dem Betreten des Wettkampfgebäudes kaum noch wahrgenommen. Irgend etwas stimmt überhaupt nicht. Doch Szenarien wie "Marcel" werden Armins Leben letztendlich intensiv gestalten.
german 05/06
aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite