phlegmaticus


sangoinicus

Bezirksmeister

Das Judo-Training ist wiedermal vorbei und alle stehen aufgereiht am Mattenrand. Der Trainer, Herr Spoty, liest irgendwelche Namen vor. Plötzlich wird auch Armin erwähnt. Herr Spoty fragt, wieder scheinbar spöttisch blinselnd, „ob wir ihn denn mitnehmen sollen?“. Der fast 11 jährige Armin weiß zwar auch diesmal nicht, um was es eigentlich geht. Aber Dabeisein ist doch meist besser als umgekehrt. Er schaut absichtlich ganz harmlos vor sich hin und die Entscheidung fällt tatsächlich positiv aus. Ein Zettel wird überreicht. Dieser informiert über einen gemeinsamen Treffpunkt am Bahnhof. Am Sonnabend früh um 07.00 Uhr fährt ein Zug nach Duberlog-Karchheim.

Natürlich wieder ein Judo-Turnier. Meist wurde Armin nicht mitgenommen. Vor allem auf Grund unklarer Probleme beim Erlernen von Wurftechniken hat Armin nach über einem Jahr Training erst zwei oder drei Wettkämpfe absolviert. Er startet dieses Mal in der Gewichtsklasse 42,5 Kg. Der Wettkampf beginnt überraschend erfolgreich. Sein erster Gegner ist ein Trainingsgefährte. Diesmal rennt dieser, scheinbar auch aus Angst, auf ihn zu. Armin wendet eine neue Technik an. Er versucht das linke Bein seines Gegners zu erfassen und dessen rechtes mit einer Innenfege seines eigenen Beines zu attackieren. Es klappt gleich beim ersten Mal. Armin genießt das schnelle Erfolgserlebnis.

Erst nach diesem Kampf fällt ihm die recht große Sporthalle auf. So viele Judoka auf einmal hat er noch nie gesehen. Trainer stehen an den Mattenrändern und brüllen sich die Seele aus dem Hals. Diese für ihn beeindruckende Kontaktaufnahme zum Geschehen wird je vom nächsten Aufruf zum Kampf unterbrochen. Der zweite Gegner aus einer anderen Stadt ist ungleich stärker. Armin findet sich schnell in einer bösen Festhalte (kesa-gatame) wieder. Aber irgendwie hat er heute keine Lust zu verlieren. Obwohl es scheinbar seine Ohren kostet, finden beide Knie auf den Mattenboden zurück.

Sein Gegner, mindestens so stark wie Armin, schnürt den Schwitzkasten noch enger. Armin kann dessen schwebenden Hintern samt spreizend gestreckter Beine nur vermuten. Dann geht es ganz schnell. Armin ändert die Drehrichtung seiner wütenden Anstrengung urplötzlich genau in die andere Richtung. Der Hintern seines Peinigers fliegt durch die Luft und findet sich obenauf am Mattenrand wieder. „Toketa“ und „Mate“ lassen den Kampf neu beginnen. Doch der Kampf ist vorbei.

Sein Gegner hat sich bei Armins Befreiungsversuch den Hals verletzt. Armin ist erschöpft aber zufrieden. Die folgenden Kämpfe sind nicht ansatzweise so hart. Erst bei der Siegerehrung erfährt er, das er nun Bezirksmeister ist. Dank seiner "selbstausgedachten Innenfege" lassen sich auch bei zukünftigen Wettkämpfen viele Gegner überraschen. Bald liegt eine richtige kleine Urkundenmappe in Armins Schrank. Die frustrierende Distanz seiner Trainingskameraden zu ihm kann er nun mit seinem erwachenden sportlichen Ehrgeiz wenigstens kaschieren. Sein fast üblicher Gegenspieler scheint jedoch schon auf dem Weg und wird den für Armin beeindruckend charmanten Vornamen "Marcel" haben.

german 07/07

 

 

 

aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite