sangoinicus

 


Antikrieg (am Arsch)

Inspiriert durch...

...meinen Wehrdienst im Artillerieregiment 26 der DDR-Grenztruppen von 1980 - 83 in Berlin Johannisthal am Großberliner Damm.

Nach anfänglich wieder schlimmen Einpassungsschwierigkeiten für mich wuchs die Unterstützung in der Soldatenschaft spürbar bis hin zu echter Solidarität.

Mit einer der letzten Wochen meiner dreijährigen Dienstzeit kam es auf dem Truppenübungsplatz bei Waltersdorf zu einer weiteren amüsanten Eskalation.

Auf dem Gleichschritt-Marsch zum Abend(fr)essen verweigerten die etwa 30 Soldaten des Stabes unserer dritten Abteilung Ihrem jungen noch unerfahrenen Zugführer (Leutnant) "ein Lied" durch pures Schweigen.

Dieser Leutnant befahl (eigentlich fairerweise) nun mir "ein Lied" zu fordern. Prompt brüllte einer "Sonderzug nach Pankow".

Ich brüllte zurück: "Hier wird marschiert, Ihr faulen Säcke". Gröhlendes Gelächter beruhigte sich schnell wieder. Der nächste Versuch tönte dann "am Arsch der Welt".

Sicherheitshalber brach ich auch diesen Vorschlag als "ungenießbar" ab. Denn das (Fr)Esszelt war nur noch etwa fünfzig Meter entfernt.

Derartige Konfrontationen blieben nicht wenig riskant. Allerdings hatten teilweise rabiate Verbal-Dispute mit höheren Offizieren und sogar der Verwaltung 2000 zu einer gewissen Resignation auf Befehls- wie auch Konspirationsebene geführt.

Letztendlich jedoch hatte ich diesen glücklichen Verlauf meiner ahnungslosen Aufsässigkeit sicher auch vorhandenem Anstand mancher Offiziere und scheinbar sogar einem leitenden Mitarbeiter dieser Stasi zu verdanken.

Beispiele

Verhör

In einem etwa zweistündig nervenden Verhör durch immerhin drei Mitarbeiter des MfS (Verw. 2000) fragte ich diese "Herren" u.a., weshalb die KPdSU bei über 250 Millionen Sowjetmenschen nur 17mill. + ein paar zerquetschte Mitglieder hat. So gesehen müsste unsere DDR mit über zwei Millionen SED-(Bonz)gliedern ja eigentlich das zukünftige Vorbild sein... (meine reale Rhetorik war natürlich pragmatisch vorsichtiger ;-)

Falklandkrieg

Eine der üblichen Politausbildungsmaßnahmen stand an. Der Politoffizier (Major) persönlich würde sie leiten. Dieser "Politnik" genoss im übrigen auf Grund seiner stilvollen Persönlichkeit durchaus Anerkennung unter uns (der Soldatenschaft). Unglücklicherweise sprach er jedoch diesen Falklandkrieg und die bösen Briten an. Meine Frage, weshalb ein (damals) faschistisches Regime in Argentinien symphatischer wäre, sorgte für ausladende, zunehmend verhedderte Erklärungsversuche. Nicht nur ich grinste amüsiert vor mich hin...

Knast

Das unbeherrschte Emotionen Konsequenzen haben, mußte einer meiner "Dienstzeitfreunde" über eine Wachbelehrung erfahren. Ein überdurchschnittlich beschränkter Oberleutnant forderte diesen Gefreiten mit einer Testfrage: "Wenn in seinem Postenbreich (mitten im Kasernengelände) ein Angehöriger der alliierten Besatzungsstreikräfte auftauchen würde, wie würde er als Wachposten reagieren?". Ob der Sinnlosigkeit dieser fiktiven Konstellation empört, antwortete dieser "Gefreite Abiturient" folgendermaßen: "Ich würde mein weißes Taschentuch aus der Hosentasche ziehen, wild wedeln und die Flucht ergreifen". Vor versammelter Mannschaft wurde er zwei Tage später zu fünf Tagen Arrest (Knast) am Berliner Kupfergraben verurteilt.

Konsolidierung

Schon erwahnter Politoffizier bot mir in einem unserer häufigen "Aufklärungsgespräche" (1982) eine Konsolidierungschance. Eine Wandzeitung zum vierzigsten Jahrestag der deutschen Niederlage vor Stalingrad (1942) würde benötigt. Verrückterweise setzte ich einen zeitlichen Zusammenhang zur "Schlacht auf dem Peipussee" (1242) mit geeignetem Bildmaterial aus dem sowjetischen Journal "Sputnik" als thematisches Zentrum auf diese Wandzeitung. Verlässlich bleibt nämlich, dass die meisten der deutschen Panzerreiter damals zu schwer für das zugeschneite Eis auf dem See waren. Sie brachen ein und mussten elendig ertrinken. Zu allzu intensiven Kampfhandlungen kam es gar nicht mehr. Derlei tut der taktischen Meisterleistung des Nowgoroders Alexander Newski überhaupt keinen Abbruch. Auch der verbrecherische deutsche Nationalfaschismus darf damit keine Relativierung gewinnen. Die manipulierten "Urräh-Klischees" der NVA-Offiziers-"Garde" bleiben jedoch ebenfalls unsinnig. Jedenfalls erfolgte schon eine Woche später der Befehl, diese Wandzeitung zu entfernen. Konsolidierung wieder mal gescheitert.

Um einem übermächtigen Gegner zu widerstehen, muß man ihn erstmal aus dem Rhythmus bringen (meinte ich vor kurzem zu meinem Sohn)

German 02/10

Liedtext

Am Arsch der Welt,
am Arsch der Welt

sin mir für ewich un
leeder af jestellt.

Am Arsch der Welt,
am Arsch der Welt

schreit jede Pfeife
wien jrosser Held.

Doch willste mich noch eimol rette,
scheck merJeld un Zijarette
Doch willste mich noch eimol rette,
scheck mer Jeld un Zijarette
ein Leben lang.

Die Flich für jede Fetz vun 18 Johr
es tauchlich ze sin für't Militär.
Manch einer es stolz do drop
un liert et einfach nie,

'neand'resät" Scheesse deit doch wieh".
Doch bes de eets en Zick do bei
küttet dir amHalse rus
un säs am leevste: noch hück am Dach
jing ich ze Fooss noh Hus.

Am Arsch der Welt.......................................

Und etwa so in Hochdeutsch

Am Arsch der Welt,
am Arsch der Welt
war’n wir für Erich und
sinnlos aufgestellt.

Am Arsch der Welt,
am Arsch der Welt
wird jedes Loch
ein großer Held.

Doch willste mich noch einmal retten,
schick mir GELD UND Zigaretten,
Doch willste mich noch einmal retten,
schick mir GELD UND Zigaretten
ein Leben lang.

Die Pflicht für jeden Mann ab 18 Jahrn
Wenn sie tauglich fürs Militär sind.
Manch einer ist darauf stolz
und lernt es einfach nie,

ein Andrer sagt "SCHIESSEN TUT DOCH WEH".
doch bist du erst eine Zeit dabei
Kommt es dir zum Hals heraus
und sagst am liebsten noch heut am Tag
GEHE ich zu Fuß nach Haus
Am Arsch der Welt........................................

frei übersetzt German 08/09

reflektiert auch über: Overlord, Arsch, Lynkysee, Panzer, Blumen


 

aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite