

Das Böse mutig zu beschreiben,
lehrt, es nicht länger selbst zu bleiben.
"Böse" als Wort an sich tritt vergleichsweise spät in das Bewußtsein des heranwachsenden Menschen. Nach dem üblichen "mamam, Mama und Papa" werden zunächst mal, "eiei, süß, fein oder auch lieb" zu vertrauten Klangbildern. Schließlich will ja auch nie jemand etwas Böses. Als Erfahrung wirkt sich Böses jedoch schon in fühester Lebenszeit aus. Wahrscheinlich beginnt die Erfahrung des Bösen nicht erst dank schmerzhaften Darmblähungen oder fehlender Nähe zum wärmenden Mutterleib. Auch die Phase vor der eigentlichen Geburt bringt schon sicher erste und damit durchaus wichtige Wechselwirkungen mit sich.
Wenn sogar Pflanzen mit Musik sich betören,
soll dann ein Embryo gar nichts hören?
Das Wechselspiel zwischen Eindruck und Reaktion ist im Zusammenspiel mit der genetischen Anlage wesentliches Konzept der individuellen Entwicklung einer Persönlichkeit. Beispiel für die Betonung der Wechselwirkungen wäre der Sexualverbrecher, welcher seine schwierige Kindheit beklagt. Die Genetik zeigt sich gern durch das bravouröse Fußballtalent, welches ohne nennenswertes Training zum Torschützenkönig avanciert. Lebensnah scheinen sich dahingehend Genetik und Umwelt gegen einander auszuspielen. Der Zufall ist in jedem Fall mit dabei und spielt als "Zünglein an der Waage " zumindest eine offensichtliche Rolle. So zusagen das Spiel des Lebens.
Das Leben erst durch Spiel erwacht
verliert sich ohne in der Nacht
Selbst etwa 15jährig beobachtete ich (am Fenstersims) des öfteren einen etwa fünfjährigen Nachbarsjungen auf dem Hof. Ich kannte ihn nicht persönlich. Ab und an hatte ich erlebt, wie er bei Auseinandersetzungen mit Spielkameraden den kürzeren zog. Bei seiner kleinen und schmalwüchsigen Erscheinung schien dies kein Wunder. Frust zeichnete so schon zeitig seine kindliche Mimik. Diese subjektiv empfundene Benachteiligung durch seine Altersgefährten mußte er als "Böse" empfinden. Bald jedoch geschah etwas Überraschendes. Die Jungs begannen (wie wir Großen auch) Fußball zu spielen. Selbst nicht gerade nicht ein Talent, stellte ich erfreut fest, wie der einst Benachteiligte seine Spielgegner ein ums andere mal "ausfummelte". Sein "Marktwert" stieg. Schnell freuten sich die anderen, wenn sie mit ihm in einem Team spielen konnten. Oft war der kleine "Kämpfer" auch allein mit seinem Ball unterwegs. Er schoß ausdauernd gegen die Mauer, umkurvte Wäschstangen und nutzte seinen kostbaren Ball auch als Ruhepolster zwischendurch. Regelrechtes Training erfüllte seine zeitweise Einsamkeit. Die dunkle (böse) Falle "Konflikt" hatte ihm das Licht zu einem kleinen Fenstersims gezeigt. Unser kleiner Kämpfer begann tatsächlich mit unverbrauchter Hoffnung seine Hände fest darauf zu stützen.
Zum Dachboden hatte er es geschafft,
die Fensterluke dann nicht mehr gerafft.
Spinnweben ließen viel Zeit vergehen.
Spät sollte er lernen das Licht zu sehen.
Junge Menschen produzieren den ersten Konflikt offiziell so
zwischen zwei und fünf Jahren. Wildes Bodengestrampel mitten auf der
Straße bis hin zu zerstörten Spielzeugen gehören zum Repertoire.
Die abendländische Erziehungsdoktrin stuft diese Nachwuchsallüren
als natürliche Zwischenstufe zur erfolgreichen Reglementierung ein. Richtig
spannend wird es eigentlich, wenn die jungen Menschen wirklich krank werden.
Autismus, Epilepsie, Spastik oder auch "nur" Hyperaktivität
werden jedoch nach wie vor und selbstbequem nicht als sozial sondern reinweg genetisch eingestuft.
Gelegentlich erlebe ich bemerkenswert tolerante Mütter mitten auf der Straße. Das kleinere Kind noch brav an der Hand, wartet sie verzweifelt auf die etwas ältere "Variante", welche den bockigen Sicherheitsabstand wütend beschreit. Wertvolle Offenheit unserer künftigen Nachfolger wird allgemein als unerwünscht und sogar lästig eingestuft. Das eventuell auch unsere kleinen Mitmenschen lange mit ihrem Widerspruch gewartet haben, scheint irrelevant. Spätestens hier trifft das ehrliche Böse auf das verlogene Gute. So zusagen trifft der routinierte Gleichmut auf die naive Enttäuschung.
Konflikte finden sich nicht nur sozial sondern (metaphysisch) auch in den Spannungen der Erdkruste. Gleichgültig wie robust das Gefüge ist. Die Dynamik der Spannung findet ihren Weg. Je stärker die statische Substanz um so katastrophaler die letztendliche Entladung. Geologisch gesehen sind dann sogenannte Tsunamis nur Sekundäraspekte.
Der schlimmste Gegner heißt immer Konflikt.
Bedrückt deine Welt, weicht niemals zurück,
Über Tsunamis las ich erstmals als Dreizehnjähriger
(1974) im DDR-Magazin "Horizont". Eindrucksvoll beschrieben, irritierten
mich neben dieser brachialen Naturgewalt vor allem die Unruhe der Tiere im
Vorfeld der Katastrophe. Wieso merken die was und wir so überlegenen
Menschen nicht?
Am Ende blieben die blökenden Schafe in der Koppel zurück. Der verantwortlich Besitzer konnte sich vielleicht doch noch retten. Die eingesperrten Schafe durften natürlich ertrinken.
Jedenfalls hatte dieser Besitzer die lärmende Botschaft seiner Tiere nicht verstanden und sicher sogar genervt reagiert.
Nur das, was wir vergessen haben
will sich an der Enttäuschung laben
Über dreißig Jahre später erlebte ich mit meiner Frau ein Ehepaar samt schreiendem Kleinkind am Nachbartisch. Wir saßen zum frühabendlichem Glas Wein auf der Terasse eines unserer bevorzugten Cafe's. Die untergehende Sommersonne schaffte noch einen sanften Lufthauch. Das Blättergrün der dicht stehenden Bäume auf der anderen Straßenseite sorgte für gewohnten Augenschmaus. Am Nachbartisch stand ein Kinderwagen. Die offensichtliche Mutter hielt ihr Baby auf dem Schoß und ertrug dessen endloses Geschrei standhaft. Erstaunlicherweise nervte mich der Lärm überhaupt nicht. Der offensichtliche Vater kam dazu und übernahm den Schreihals. Schnell beruhigte sich der kleine Mensch und schlief Minuten später sogar auf der Brust des Papas ein.
Noch vor einem Jahr hätte ich mich damit zufrieden abgewendet. Aber nun hatten meine Frau und ich ein interessantes Gesprächsthema. Weshalb nur beim südländisch wirkenden Papa und nicht bei der einheimisch wirkenden Mama? Die Bestätigung folgte nur eine knappe Viertelstunde später. Sanft hatte der Vater das schlafende Mädchen? wieder auf den Schoß ihrer Mutter gelegt und entfernte sich aus irgend einem Grund. Das Baby erwachte nur kurze Zeit später und schrie weiter. Der Vater tauchte bald wieder auf, zahlte und das Geschrei entfernte sich mit seiner jungen Familie.
Geruch oder Wärme fällt manchem ein
vielleicht darfs sogar was tieferes sein?
Natürlich bleibt es Spekulation der Gedanken zu diesem Erlebnis. Der Alltag bietet jedoch generell nur wenig Background oder Zeit für unsere Entscheidungen. Diese treffen wir dann doch mehr oder weniger unwillkürlich. Schnell hatte ich Blickkontakt mit der Mutti bekommen. Welchen sie umgehend und sicherheitshalber nur aus dem Augenwinkel kontrollierte. Ihre stoische Ruhe provozierte Ablehnung bei mir. Diese Mutti reagierte faktisch überhaupt nicht zu dem Lärmpegel auf ihrem Schoß und beteiligte sich ebenso wenig am Tischgespräch. Irgendwie bekam sie keinen Kontakt zu ihrem eigenen Kind. Stolz auf meine eigene "Befreiung", machte ich sie für diesen Konflikt verantwortlich. Wen denn auch sonst. Erst einige Zeit später wurde mir die Arroganz meiner Einschätzung klar. Mehr als vierzig Jahre hatte ich schließlich selbst so vielen anderen wehgetan. Allen voran unseren eigenen Kindern.
verdrängtes Leid schleicht sich durch die Türen
wird immer die Liebsten mit Frust irritieren
Die dank meiner Eitelkeit verkannte Hilflosigkeit eines anderen Menschen (der Mutti) war leider nur eine spätere Erkenntnis dieses Sommerabends. Zunächst beschäftigte mich im nachinein das Verhalten dieses Säuglings. Irgendwann wird er sicher aufhören zu schreien. Mit zwei oder drei Jahren vielleicht. Eventuell folgen noch die schon beschriebenen Strampelattacken auf der Straße. Vielleicht gibt sein Ego irgendwann auf und meldet sich viel später als Punk oder Skinhead zurück.
Ahnungslos tut diese irritierte Mutter ihrem Nachwuchs letztendlich nur das gleiche an, was sie selbst als Kind erfahren mußte. Allgemein wird mit diesem fragwürdigen Begriff "Erziehung" eine Übergabe an Lebenswerten charakterisiert. Nicht erst mit beschriebenen Erlebnis hatte ich das Gefühl, dass diese "Erziehung" zunächst etwas wegnimmt um danach mit manipulierender "Erfüllung" zu glänzen
geboren, verkannt, ignoriert und erzogen
für Gleichmut und Macht um das Glück betrogen
Vielleicht ist also der ewige Konflikt zwischen "wohlgemeinter" Ausrichtung auf geprägte Wertvorstellungen und die ahnungslose Abwehr dagegen das wachsende Feuer im Herd des Bösen.
german 02/08
aktualisiert am 17.05.2011 als Favorit eintragen | weiter empfehlen | Zurück zur Startseite